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Freitag, 10. Februar 2012
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Rezension Wenn Krankheiten klingen und Himmelsrichtungen duften

17.05.2002 ·  Neues Sachbuch: „Welche Farben hat der Montag?“ beschreibt das Leben von Synästhetikern, die Ursachen des Phänomens, aber auch seinen Reiz für die Wissenschaft.

Von Hinderk M. Emmrich, Udo Schneider, Markus Zedler
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Höchstens 160.000 Menschen verfügen in Deutschland über die Fähigkeit, Buchstaben beispielsweise farbig zu erleben oder Musik in Formen und Strukturen zu erleben. Die Betroffenen empfinden die Synästhesie als Geschenk. Und für Gehirnforscher eröffnet sie völlig neue Perspektiven. Um das Leben von Synästhetikern, die Ursachen des Phänomens aber auch ihren Reiz für die Wissenschaft geht es in dem kleinen Büchlein „Welche Farben hat der Montag“.

Für Sabine Widal sind die Himmelsrichtungen mehr als nur Norden, Osten, Süden und Westen, sie verbindet Farben damit: „Bleibt noch zu erwähnen, dass die Himmelsrichtungen auch gehörig mit Synästhesie behaftet sind. Der Norden ist taubenähnlich, Osten ist kühl und weißlich, Westen ist bräunlich und Süden ist rötlich und schmeckt sogar. Er schmeckt süßlich.“ Die Frau ist eine der wenigen Synästhetiker, die nicht nur mit bestimmten Buchstaben und Worten Farben fest verbinden, sie kann auch Gerüche besonders gut auseinander riechen: „Das Leben stinkt in all seiner Vielfalt, und zwar gewaltig“, schreibt Widal.

Die Beschreibungen von Sabine Widal ist eine von insgesamt 13 Beiträgen, in denen Synästhetiker die Ausprägungen ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit schildern. Sie bilden den vergnüglichen Schluss des 152 Seiten starken Büchleins „Welche Farbe hat der Montag“, das in Zusammenarbeit der drei Autoren Hinderk Emrich von der Medizinischen Hochschule in Hannover und seinen Kollegen Udo Schneider und Markus Zedler entstanden ist.

Synästhesie war lange Zeit ein Stiefkind der Wissenschaft

Synästhesien werden in der wissenschaftlichen Literatur seit rund 300 Jahren beschrieben. So wird bereits im Jahr 1690 von einem wissbegierigen Blinden berichtet, der eines Tages frohlockte, dass er nun endlich verstanden habe, was Scharlach bedeute: Es sei gleich dem Klang einer Trompete. Dem Wissen um das Phänomen zum Trotz wurden bis Ende des 19. Jahrhunderts keine systematischen Studien zur Synästhesie beschrieben. Bücher über Synästhesie aber sind selten, zumal im deutschsprachigen Raum: So gibt es in der 300-jährigen Geschichte der Synästhesie-Forschung nur zwei weitere deutsche Publikationen, die den Umfang eines Buchs erreichen.

Mit seinen sieben Kapiteln und zahlreichen Abbildungen wie etwa der faszinierenden Aufnahme eines Gehirns, die die aktivierten Gehirnareale eines Synästhetikers zeigt, gibt das Buch neben einem knappen historischen Diskurs überdies Einblicke in die subjektive Erfahrungswelt der Synästhetiker. So sehen zwar eine Vielzahl der Betroffenen etwa den Buchstabe „K“ in einem rötlichen Ton, grundsätzlich aber ist Synästhesie eine sehr individuelle Erfahrung, „die deutlich macht, dass Subjektivität etwas äußerst individuenspezifisches ist und dass jedes menschliche Subjekt in einer einzigartigen Eigenwelt lebt“, erklärt Emrich.

Mit der Synästhesie erforschbar: Die Wirkungsweise des Bewusstseins

Neben dem Standpunkt der modernen Neurowissenschaft zum Rätsel Synästhesie, das für den Laie vereinfacht, aber nicht weniger ausführlich in mehreren Kapiteln beschrieben wird, wagen die Autoren darüber hinaus auch einen Blick in philosophische Randgebiete. So stellen sich die Autoren etwa die Frage, was Synästhesie für diejenigen Menschen bedeutet, die die Erfahrung der verknüpften Sinne nicht kennen. Dazu gehört nicht nur die Frage, wie Synästhetiker leben, sondern auch, die Erforschung der Verbindung von Synästhesie und Bewusstsein mit subjektiver Erfahrung.

Doch Synästhesie ist mehr als Spaßfaktor für Synästhetiker und Forschungsobjekt für die Wissenschaft, das Phänomen spielt schon lange auch in der Kunst eine bedeutsame Rolle: So hatte die Synästhesie nach Auffassung der Autoren Mitte des vergangenen Jahrhunderts starken Einfluss auf die Kunstszene. Charles Baudelaire hat in seinen zahlreichen Gedichten etwa die Entsprechung von Tönen, Gerüchen und Farben bewusst eingesetzt. Interessant ist auch der Fall des russischen Komponisten Alexandr Skrjabin, der schon um 1910 versuchte, seine synästhetischen Erfahrungen dem Publikum zu vermitteln. Seine Symphonie "Prométhée" enthält eine Partitur für ein so genanntes Lichtklavier, das Töne in Farben und Formen übersetzen sollte.

Hinderk M. Emmrich, Udo Schneider, Markus Zedler: Welche Farbe hat der Montag. Synästhesie: Das Leben mit verknüpften Sinnen. Hirzel Verlag, Stuttgart, 2002, 152 S., € 24,-

Quelle: @nath
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