Home
http://www.faz.net/-gr9-3qpk
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Freitag, 17. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Sachbuch Welchen Himalaya hätten Sie gern?

11.07.2002 ·  Dach der Welt, Gipfel der Götter, Stätte der Mystik und Exotik - der Himalaja hält tapfer allen Besteigungen und Vereinnahmungen auch spiritueller Spurensucher stand. Als natürliche Grenze prägt er hingegen nicht nur das Klima, sondern auch wirtschaftliche und politische Realitäten. In ihrem Himalaja-Sammelband ...

Artikel Lesermeinungen (0)

Dach der Welt, Gipfel der Götter, Stätte der Mystik und Exotik - der Himalaja hält tapfer allen Besteigungen und Vereinnahmungen auch spiritueller Spurensucher stand. Als natürliche Grenze prägt er hingegen nicht nur das Klima, sondern auch wirtschaftliche und politische Realitäten. In ihrem Himalaja-Sammelband läßt Alice Grünfelder in dreißig Essays die Stimmen der wenig gehörten und zuweilen unterdrückten Bewohner aus Nepal, Bhutan, Tibet, China und Indien laut werden. Bei ihrem Versuch, das Echo des Berges flächendeckend in der Literatur aufzuspüren, gerät die großangelegte Anthologie aber zwangsläufig etwas disparat. So enthält sie die Schöpfungsmythen der Naxi, buddhistisch inspirierte Parabeln, Märchen aus dem Königreich Bhutan bis hin zur modernen tibetischen Exilliteratur. Die Kurzgeschichten erzählen fernab der gängigen Diskussionen um Yeti und Yogi ganz unaufdringlich vom Volksglauben und Alltagsleben am Himalaja, ohne über den Umweg des Blicks der Aussteiger, Abenteurer oder gar Eroberer zu gehen. Die einheimischen Autoren verkünden, wen überrascht es, keine Gegenentwürfe zum städtisch-zivilisierten Leben, denn im Dunstkreis des Himalaja lebt es sich eher schlecht als recht. Gerade nepalesische Literaten setzen sich seit den dreißiger Jahren kritisch mit dem Kastensystem, aber auch mit der Entfremdung als Erfahrung der Moderne auseinander. In seinem zynischen Aufsatz "Welchen Himalaya hätten Sie gern?" stellt Kanak Mani Dixit einen "Hang zur Verzuckerung" und eine "Verklärung bis zur Unkenntlichkeit" in der westlichen literarischen Rezeption sowie Verniedlichungstendenzen in Filmen wie Bertoluccis "Little Buddha" fest. Shankar Lamichhanes bitterböse Satire "Das Licht der untergehenden Sonne in den halb geschlossenen Augen des Buddha" konfrontiert das kontemplative Asien-Bild westlicher Besucher mit den ausdruckslosen Augen eines an Kinderlähmung erkrankten Mädchens. Ökologisch angehaucht ist der Essay "Der Himalaya - Unser empfindliches Erbe" des Inders Nalni Jayal. Das gelobte Land "Shangri-La", so das desillusionierende Fazit der Herausgeberin, liegt für die verarmte Bevölkerung im strukturell benachteiligten Lebensraum der Bergwelt in Amerika.

sg

"Himalaya - Menschen und Mythen", herausgegeben von Alice Grünfelder. Unionsverlag, Zürich 2002. 320 Seiten. Gebunden, 19,80 Euro. ISBN 3-293-00298-6.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.07.2002, Nr. 158 / Seite R4
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen