"Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre in Paris" von Jean-Luc Moreau (Text) und Bruno Barbey (Fotos). Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2002. 168 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 35 Euro. ISBN 38-0672-8887
Wer in die Tiefenschichten einer Stadt mit Hilfe solcher "Spurensuche"-Bücher eintaucht, den mag wohl immer wieder, und besonders in Paris, das wehmütige Gefühl beschleichen, als Nachgeborener zu spät gekommen zu sein: Man findet zwar das "Deux Magots" noch vor und die "Brasserie Lipp" im Dekor ihrer Frühzeit, sonst aber eher seinesgleichen und wohl niemals jene Künstler und Philosophen, deretwegen man die Häuser besucht. Dabei belächelte schon Gottfried Keller die Klage, daß es "keine Originale mehr gebe" - auf der ersten Seite der "Zürcher Novellen". Irgendwo werden auch Eric Orsenna, Agnès Desarthe und Michel Houellebecq, wenn er denn in Paris weilt, heute ihren Kaffee trinken, doch womöglich unerkannt, zumindest unauffällig. Umgekehrt gibt Simone de Beauvoir schon bald nach dem Krieg das Hotelleben auf und mietet eine Wohnung, weil sie in den Cafés bei ihrer Arbeit inzwischen unablässig von Fremden bedrängt wird. Das, wonach der Spurensucher heute sucht, war damals schon vorüber. Auch dies erfährt der Leser in diesem ebenso gründlichen wie schönen Buch mit einer reichhaltigen Mischung stimmungsvoller zeitgenössischer und alter Fotos der Orte und, mehr noch, der Menschen. Beide, Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, kamen in Paris zur Welt, lebten dort - vielfach öffentlich: als Spaziergänger, Flaneure, Zeitgenossen, in Montparnasse und Saint-Germain-des-Prés, beide ruhen sie in einem Grab in Montparnasse. Vereint wie auf dem Grab sind ihre Namen auch auf einem Straßenschild, "Place Sartre-Beauvoir", gleich am "Café de Flore", wo weit und breit kein Platz ist, nur irgendeine Kreuzung. Daß eine Kreuzung dennoch, oder gerade, paßt: Mit dieser Einsicht endet dieses Buch, das gleich gewinnbringend und anregend zu lesen wie immer wieder durchzublättern ist - eine dichte Doppel-Biographie dieses ungewöhnlichen Paares, zugleich ein Stück Philosophiegeschichte und ein bedeutendes Kapitel aus der Geschichte von Paris im zwanzigsten Jahrhundert bis 1968 und danach. (mbe)