Home
http://www.faz.net/-gr9-39mj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rezension: Sachbuch Europa

 ·  "Willkommen. Literatur und Fremdenverkehr in Österreich" von Wolfgang Straub. Sonderzahl Verlagsgesellschaft, Wien 2001. 272 Seiten. Broschiert, 21,50 Euro. ISBN 3-85449-186-7.So pauschal der Buchtitel klingt, so undifferenziert bleibt der Inhalt. Zwar betont der Autor, es gehe ihm nicht darum, "in ...

Artikel Lesermeinungen (0)

"Willkommen. Literatur und Fremdenverkehr in Österreich" von Wolfgang Straub. Sonderzahl Verlagsgesellschaft, Wien 2001. 272 Seiten. Broschiert, 21,50 Euro. ISBN 3-85449-186-7.

So pauschal der Buchtitel klingt, so undifferenziert bleibt der Inhalt. Zwar betont der Autor, es gehe ihm nicht darum, "in der Literatur einen Verbündeten einer vermeintlichen persönlichen Abneigung gegen die Auswüchse des Fremdenverkehrs zu sehen", doch letztlich läuft seine Argumentation genau darauf hinaus. Bezeichnend dafür ist nicht zuletzt sein Eingeständnis, die Auswahl der Werke spiegele "persönliche Vorlieben wider". Dabei geht er davon aus, daß die österreichische Gegenwartsliteratur "das vielleicht exakteste Auskunftsmittel über Befindlichkeit und Zustand des Tourismuslandes Österreich" sei. Der Gedanke ist recht banal, reflektiert doch letztlich jede Literatur ihre Gegenwart. Bizarr sind allerdings die intendierten Behauptungen, im vorliegenden Fall sei Literatur das "exakteste" Auskunftsmittel und darüber hinaus ausschließlich solche österreichischer Provenienz. Felix Austria: Geht man doch andernorts eher davon aus, daß gerade der Blick von außen erhellend wirken kann. Schon skurril wirkt dabei des Autors gänzliche Mißachtung des gesamten Spektrums von Reiseliteratur. Den "Merian"-Heften gönnt er immerhin ein Kapitel, um scharfsinnig festzustellen, daß in den Heften "die unterschiedlichsten weltanschaulichen Provenienzen und künstlerischen Richtungen" versammelt sind. Über weite Strecken freilich ist der Text nicht von solch unfreiwilliger Komik. Liebhaber von chiffriertem Soziologenjargon kommen hingegen auf ihre Kosten. Passagenweise klingt das Werk auch wie eine wirtschaftliche Fachstudie und versinkt grundsätzlich gern in geschwätziger Belesenheit. Trotzdem ist es offenbar für ein breites Publikum gedacht; vorsichtshalber sorgen fünfzig Seiten Anmerkungen bei zweihundert Textseiten für den nötigen Wissenschaftsgoût. Ein Kapitel zur "Geschichte des österreichischen Fremdenverkehrs" - gemeint ist eine Geschichte des Fremdenverkehrs in Österreich - enthält zwar Interessantes zu den Jahren zwischen 1938 und 1945, über die Anfänge des Reisens um seiner selbst willen, wie es im Biedermeier Mode wurde, und die Bedeutung der Reiseliteratur innerhalb des Schrifttums dieser Zeit erfährt man hingegen kaum etwas. Dabei entstanden damals, nicht zuletzt in Wien, jene Klischees vom vermeintlich idyllischen Landleben, die bis heute wirken. Über die Literatur strahlten sie bis in die Musik hinein: Da maskierten sich Händler in Wien für die Umsatzsteigerung mit Phantasietrachten und machten mit angeblicher Volksmusik auf sich aufmerksam, die selbst wiederum Joseph Lanner und Johann Strauß zur Komposition von "Ländlern" anregte. Gänzlich unbefriedigend bleibt Straubs Durchforstung der österreichischen Literatur nach "touristischen Topoi". Ein Beispiel mag genügen. Das Thema "Kraftwerk" gehört seiner Meinung nach unbedingt dazu. Deshalb spürt er dem "Kaprun-Mythos" in Thomas Bernhards fulminantem Buch "Frost" nach und kommt hinsichtlich des Themas Tourismus zu dem Schluß: "Die hier hervorgehobenen Aspekte . . . sind für das Buch insgesamt nur von marginaler Bedeutung. (rmb)

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2002, Nr. 50 / Seite R2
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen