"Drei Stunden Null - Deutsche Abenteuer" von Wolfgang Büscher. Alexander Fest Verlag, Berlin 1998. 175 Seiten. Gebunden, 36 Mark. ISBN 3-8286-0022-0.
Warum hat es die Reportage eigentlich so schwer in Deutschland? Während andernorts, vor allem in der angelsächsischen Welt, die genaue Beobachtung fremder Völker oder auch bemerkenswerter Verhaltensweisen im eigenen Land höchstes Ansehen genießt, fristet sie im deutschen Sprachraum vergleichsweise ein Schattendasein. Dabei fördert ein Band wie der von Wolfgang Büscher mehr über die deutsche Vergangenheit, über deutsche Befindlichkeiten vor und nach der Wiedervereinigung zutage, als mancher Roman, von historischen Abhandlungen zu schweigen. Wolfgang Büscher nähert sich seinem Erzählgegenstand Deutschland von verschiedenen Seiten. Er nimmt historische Tiefenbohrungen vor, erzählt vom Schicksal seiner eigenen Familie während des Zweiten Weltkriegs, berichtet von Flucht und Vertreibung, seinen Erfahrungen in Berlin der sechziger und siebziger Jahre, er wandert einmal rund ums wiedervereinigte Berlin (etwa hundertachtzig Kilometer in sechs Tagen) und spürt den Geschichten der Wolgadeutschen in Rußland nach. Bisweilen tut Büscher in seinem Ansinnen, seinen Gegenstand poetisch zu fassen, des Guten zuviel. "Blinde Kasernen irren umher und starren aus leeren Fensterhöhlen", heißt es da etwa von einem Besuch im brandenburgischen Luckenwalde. Doch solche effekthascherischen Metaphern bleiben glücklicherweise die Ausnahme. Die Qualität der Spurensuche Büschers tritt besonders dann zutage, wenn er sich ganz auf seine Beobachtungsgabe verläßt und er mit wenigen Strichen eine präzise Atmosphäre heraufbeschwört, etwa die des Berlins der siebziger Jahre: "Seltsam unkaufmännische, somnambule Geschäfte in jeder Straße. Wer kaufte vor Jahrzehnten modisch gewesene Damenoberbekleidung, zerlesene Zeitungen, wie man sie unter alten Tapeten findet, stockfleckige Liebesromane, glatzköpfige Teddybären oder einen Restposten Schuhe aus der Nachkriegszeit? All diese Geschäfte gab es wirklich, sie hatten wirkliche Öffnungszeiten und wirkliche Kunden. Aber sie sahen aus, als hätten ihre Betreiber eines Morgens aufgehört, Staub zu wischen und neue Ware zu ordern. Und dieser Morgen lag dreißig Jahre zurück." (mab)