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Reise durch die Sonnenwelt

22.06.2011 ·  In München scheut man große Worte nicht. Ein paar Gebäude mit griechischem Zierrat, und schon wurde die Bauernresidenz zum "Isar-Athen". Hundert Jahre später marschierte die "Hauptstadt der Bewegung" ganz vorne mit. Kaum war damit kein Staat mehr zu machen, erfand man sich neu als "Weltstadt mit Herz".

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In München scheut man große Worte nicht. Ein paar Gebäude mit griechischem Zierrat, und schon wurde die Bauernresidenz zum "Isar-Athen". Hundert Jahre später marschierte die "Hauptstadt der Bewegung" ganz vorne mit. Kaum war damit kein Staat mehr zu machen, erfand man sich neu als "Weltstadt mit Herz". Das klang nach Weißwurstmetropole und Bierhauptstadt und Kleinbürgermief. Dem neoliberal umgepflügten Stadtraum und Preisen, die sich Normalverdiener kaum noch leisten können, dient sich die verkaufsfördernde Phrase von "der nördlichsten Stadt Italiens" an. Vor Stereotypen haben auch die beiden Autoren dieses nicht eben attraktiv aufgemachten Buchs keine Scheu. Ob München die "großartigste Stadt der Welt" ist, daran wird man möglicherweise nicht nur in New York oder Paris Zweifel hegen. Der Text ist gespickt mit viel Peinlichem und noch mehr Plattem: "München ist spitze" und "die schönste Stadt der Welt", die "fahrradfreundlichste Stadt Europas", die "wichtigste Filmstadt Deutschlands" und selbst noch "die Münchner Brezn ist einfach sensationell". Bei so viel Lobhudelei wirkt es unfreiwillig komisch, wenn man uns andererseits verrät: "In der Fußgängerzone herrscht stets geschäftiges Treiben." Das hätte man in einer Millionenstadt nicht für möglich gehalten. Auf dieser intellektuellen Höhe bewegen sich die Autoren durchweg. Endlose Aufzählungen bekannter Luxusläden, momentan angesagter Lokale, etwa für den stilvollen "After-Work-Drink", aller möglichen Einkaufstempel und Szenetreffs der Bussi-Bussi-Gesellschaft lesen sich wie schlechte Werbetexte. Das Buch hat gerade so viel Niveau, dass es nicht völlig banal wirkt und trotzdem sofort konsumierbar bleibt. Das gilt insbesondere für die vorgestellten Kulturangebote und Sehenswürdigkeiten: nichts als hinreichend Bekanntes. Ausgarniert wird das Ganze mit dem üblichen Gestammel von bayerischer Lebensart, Gemütlichkeit, Laptop und Lederhose. Noch mehr Klischees auf einmal kann man in einen Text nicht packen. So viel Oberflächlichkeit hat München nicht verdient.

rmb

"111 Gründe, München zu lieben. Eine Liebeserklärung an die großartigste Stadt der Welt" von Evelyn Boos und Andreas Körner. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2011. 275 Seiten. Broschiert, 9,95 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2011, Nr. 143 / Seite R4
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