08.09.2011 · Die Idee ist nicht neu, sich ohne Geld von hier nach dort durchzuschlagen und seine Erfahrungen mit einer Reise nach altmodischer Wanderburschenart zu erzählen. Was dabei herausgekommen ist, war eher leidlich spannend und nur dann amüsant, wenn es den Autoren gelungen ist, nicht nur ihre eigene Cleverness ...
Die Idee ist nicht neu, sich ohne Geld von hier nach dort durchzuschlagen und seine Erfahrungen mit einer Reise nach altmodischer Wanderburschenart zu erzählen. Was dabei herausgekommen ist, war eher leidlich spannend und nur dann amüsant, wenn es den Autoren gelungen ist, nicht nur ihre eigene Cleverness und die mitleidige Neugier ihrer Mitmenschen zu protokollieren, sondern auch das Erlebnis mit ein wenig Sinnsuche zu verbinden. Was nun Josef Girshovich mit seiner "Reise nach Jerusalem" vorlegt, ist einerseits die recht originelle Variation eines etwas abgenutzten Themas allein schon deswegen, weil er einen fünftausendzweihundert Kilometer langen Weg durch neun Länder in rekordverdächtigen siebzehn Tagen zurücklegt und dabei ein paar seltsame Bekanntschaften macht. Andererseits geben seine politischen Positionen, sobald er in den Nahen Osten kommt, durchaus Anlass zur Diskussion. Es ist also ein Werk entstanden, mit dem man sich auseinandersetzen könnte. Dass es dennoch keinen rechten Spaß macht, liegt an etwas anderem: Manchmal - vor allem, wenn er etwas hastig mitzuteilen hat - schreibt Girshovich so ungeordnet, wie man spricht, und meistens steht er mit der deutschen Grammatik auf Kriegsfuß oder ignoriert sie gänzlich. Zum Beispiel ist da zu lesen: "Die Tür war angelehnt, damit ich mich der Verwunderung darüber erinnerte, der Zuflucht dahinter einen Gedanken schenkte." Zahllos sind zudem die Formulierungen, die einen ins Grübeln bringen wie etwa "Solange ich in Deutschland, im deutschsprachigen Raum unterwegs war, stellte die kulturelle Nähe zum Anfangsort alle Zielstrebigkeit in den Schatten." Deswegen muss sich irgendwann der Leser die Frage stellen, ob diese Ausdrucksweise ein recht abenteuerliches Stilprinzip ist oder die Unfähigkeit, einen Gedanken präzise zu Ende zu führen. Möglicherweise wird er, weil er keine Antwort findet, ärgerlich werden und nicht bis zur Ankunft Girshovichs an der Klagemauer in Jerusalem durchhalten. Wer es dennoch schafft, hat mindestens so viel Mühsal ertragen wie der Autor während seiner Reise.
tg
"Reise nach Jerusalem" von Josef Girshovich. DuMont Buchverlag, Köln 2011. 271 Seiten. Gebunden, 19,99 Euro.