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In Gassen und Gängen

15.09.2011 ·  Hamburg hat es zurzeit schwer. Die stolze Freie und Hansestadt stolpert von einer Krise in die andere. Da ist die ebenso nagelneue wie architektonisch todlangweilige Hafencity mit der astronomisch kostspieligen Elbphilharmonie, und da ist das zum Schnarchen öde Kulturleben der Stadt, aus der viele Künstler - vor allem die der bildenden Kunst - längst nach Berlin geflüchtet sind.

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Hamburg hat es zurzeit schwer. Die stolze Freie und Hansestadt stolpert von einer Krise in die andere. Da ist die ebenso nagelneue wie architektonisch todlangweilige Hafencity mit der astronomisch kostspieligen Elbphilharmonie, und da ist das zum Schnarchen öde Kulturleben der Stadt, aus der viele Künstler - vor allem die der bildenden Kunst - längst nach Berlin geflüchtet sind. Die hamburgische Sprödigkeit wird seit jeher mit der eher von merkantilen Interessen geprägten Mentalität der Hamburger Kaufleute erklärt. Diese nach Profitmaximierung ausgerichtete Geisteshaltung schlägt sich auch im Stadtbild nieder. Abgesehen vom großen Brand des Jahres 1842 und den gewaltigen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, die beide einen Wiederaufbau ganzer Stadtteile notwendig machten, hat sich Hamburg auch zwischendurch mehrmals fast komplett neu erfunden. Das heutige Stadtbild hat mit dem untergegangenen Alt-Hamburg bis auf wenige markante innerstädtische Punkte nicht mal mehr den Verlauf der Straßen gemein. Vorliegendes Buch, und es ist ebenso großartig geschrieben wie recherchiert und bebildert, widmet sich einem so gut wie vergessenen Kapitel hanseatischer Bau- und Kulturgeschichte: den Gängevierteln. Wohl niemand, der heute durch die Spitaler-, die Stein- oder die Mönckebergstraße schlendert, vorbei an den Schaufenstern der überall gleichen Filialisten, wird sich auch nur ansatzweise vorstellen können, dass sich genau hier einmal ein in Jahrhunderten gewachsenes Wohnviertel pittoresk verschachtelter Fachwerkhäuser befand. Dabei waren die Gängeviertel von Alt- und Neustadt allerdings weniger lauschige Fachwerkidyllen als verwahrloste Subproletariatslums. Allein die Kehrwieder-Wandrahm-Insel, dort wo heute die berühmte Speicherstadt steht, war teils mit durchaus prachtvollen barocken Kontorhäusern bebaut. Alles weg, alles verschwunden! In nur wenigen Jahren einer gewaltigen Modernisierungs-, Bau- und Spekulationswelle zum Opfer gefallen. Der Autor beschreibt mit bezwingender Genauigkeit die Hintergründe dieses Baubooms: das Entstehen der Speicherstadt als Zollfreihafen und als Folge der Choleraepidemie des Jahres 1892 die komplette Niederlegung des Gängeviertels der Altstadt zwischen Hauptbahnhof und Rathausmarkt, wo unter hygienisch unvorstellbaren Bedingen vor allem Hafenarbeiter mit ihren Familien wohnten. Ein packendes Panorama der wilhelminischen Gründerzeitära entfaltet sich in den zweiundzwanzig Kapiteln. Zum Krimi dann werden die vom Autor erstmals in dieser Fülle zusammengetragenen Fakten zu einer der größten Immobilienspekulationen im Kaiserreich. An der unglaublichen Wertsteigerung der innenstädtischen Grundstücke profitierten Kaufleute, Senatoren, Hoteliers und Hausmakler, mit Hilfe illegal angefertigter und verbreiteter Kopien der Sanierungs- und Bebauungspläne. Ein späterer Untersuchungsausschuss bezifferte den Schaden zu Lasten der Stadt auf knapp zwanzig Millionen Mark, heutigen drei- bis vierhundert Millionen Euro entsprechend. Davon könnte glatt noch eine Elbphilharmonie gebaut werden.

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"Das Hamburger Gängeviertel - Unterwelt im Herzen der Großstadt" von Geerd Dahms. Osburg Verlag, Berlin 2010. 287 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 24,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2011, Nr. 215 / Seite R7
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