22.09.2011 · Das Autorenduo Florian Coulmas und Judith Stalpers ergründet in 101 Fragen das "Schaltwerk des Alltags" in Japan. Sie sind nach Themen wie Geschichte, Geographie und Umwelt geordnet. Dabei wird deutlich, dass die hochtechnisierte Gegenwartsgesellschaft noch immer von der Vormoderne durchdrungen ist.
Das Autorenduo Florian Coulmas und Judith Stalpers ergründet in 101 Fragen das "Schaltwerk des Alltags" in Japan. Sie sind nach Themen wie Geschichte, Geographie und Umwelt geordnet. Dabei wird deutlich, dass die hochtechnisierte Gegenwartsgesellschaft noch immer von der Vormoderne durchdrungen ist. So sei Japan ein "Land der elektronischen Gadgets", jedoch geht die "ubiquitous network society" der Handys und Internetmanie möglicherweise auf konfuzianisch überliefertes Denken in Netzwerken zurück. Als strukturierende Elemente in einer "äußerst materialistischen Gesellschaft" zeigen die Autoren ferner den "moralischen Imperativ" der Höflichkeit und die Schattenwirtschaft der durch "Gaben und Gegengaben" geprägten Geschäftsbeziehungen auf. Den Konsumkapitalismus und den Hang zu Markenprodukten als Statussymbolen führt das Buch auf die vormoderne Gesellschaft zurück, als aufgrund strenger Kleidervorschriften für verschiedene Stände die soziale Stellung äußerlich abzulesen war. Doch verfällt das Japan-Brevier keineswegs kritiklos der "Soft Power" und dem Charme von Lolita-Modeschauen oder globaler Ikonen japanischer Populärkultur. Vielmehr räumen die Autoren konsequent mit positiven Vorurteilen auf. Sie legen Problemfelder und Phänomene wie das der "neuen Armut", der Hierarchie der Bildungseinrichtungen und "Differenzgesellschaft", die zusehends die Mittelschicht und einstige lebenslange Festanstellung ersetzt, offen. Sie erörtern die "Revolution der Langlebigkeit" und "geringe Reproduktionsfreudigkeit" als Generatoren von Ungleichheit. Konträr zu stereotypen Japanerbildern wie Samurai und "Salaryman" porträtiert das Buch den unter dem Schlagwort von den "pflanzenfressenden Männern" bekannt gewordenen verweichlichten Nachkriegstypus oder die "Otaku" genannten, im Cyberraum verkehrenden Gesellschaftsflüchtlinge. Im Hinblick auf die jüngsten Ereignisse überzeugt im Wirtschaftsteil des vor Fukushima verfassten Bands die kritische Hinterfragung der Kernenergie als "strategische Entscheidung" und der Erdbebensicherheit der Reaktoren. Im abschließenden Kulturkapitel erfährt der Leser Amüsantes über interaktive Kuscheltiere und den Spieltrieb der Japaner und die pazifistische Natur der Stäbchenesskultur.
sg
"Die 101 wichtigsten Fragen: Japan" von Florian Coulmas und Judith Stalpers. Verlag C.H. Beck, München 2011. 160 Seiten, fünf Abbildungen. Broschiert, 9,95 Euro.