03.12.2009 · Los Angeles ist die Stadt, zu der es kein Bild gibt und in der wir dennoch bei einem Besuch jede Kreuzung und jedes Lokal, die Strände, die Hügel und die Parks erkennen. Denn nunmehr ein Menschenleben lang dienen sie der Filmindustrie als Kulisse - oft für Geschichten, die in ganz anderen Ecken Amerikas spielen, weshalb die Überraschung an Ort und Stelle umso größer ist.
Los Angeles ist die Stadt, zu der es kein Bild gibt und in der wir dennoch bei einem Besuch jede Kreuzung und jedes Lokal, die Strände, die Hügel und die Parks erkennen. Denn nunmehr ein Menschenleben lang dienen sie der Filmindustrie als Kulisse - oft für Geschichten, die in ganz anderen Ecken Amerikas spielen, weshalb die Überraschung an Ort und Stelle umso größer ist. Verstörendes Déjà-vu und befreiende Verblüffung reichen sich hier die Hand. "Porträt einer Stadt" heißt nun ein fast sechshundert Seiten starker Fotoband, der gar nicht erst versucht, Los Angeles ein Gesicht zu geben. Vielmehr erzählt er mit Aberhunderten von Fotografien die hundertfünfzigjährige Geschichte eines fortwährenden Ausbaus und Umbaus, in der die Orangenzucht und die Ölförderung, die Filmproduktionsfirmen und die Vergnügungsindustrie je eigene Welten geschaffen haben - hinzu kommt eine eigenständige Musik- und Kunstszene, und weil man in Kalifornien immer schon etwas kreativer war als anderswo in den Vereinigten Staaten, zeichnet das Buch auch gleich noch die Geschichte der vielleicht eigenwilligsten Architektur Amerikas nach. Erstaunlich ist dabei nicht allein die Fülle des Materials, das die beiden Autoren Jim Heimann und Kevin Starr zusammengetragen haben, sondern vor allem dessen Qualität. Bilder aus der Zeit der Depression stammen von Russell Lee. Die Volksfeststimmung am Muscle Beach hat Max Yavno festgehalten. Julius Shulman blickt in die Villen der Reichen und der Superreichen, während Dennis Hopper bei der Fahrt durch die Stadt aus dem Auto herausfotografiert hat. Garry Winogrand hat John F. Kennedy bei seiner Rede in der Sports Arena beobachtet, und Bill Eppridge war dabei, als Robert F. Kennedy im Ambassador Hotel erschossen wurde. Auch das zeichnet dieses Buch aus: dass es Los Angeles nicht auf Glitter, Glamour und die Strandschönheiten von Venice reduziert. Das letzte Kapitel heißt sogar "Apokalypse Now": Da verwandeln sich nach Unruhen Stadtteile in Trümmerlandschaften, oder es zerbröselt nach einem Erdbeben die Betondecke einer Brücke. Alle paar Seiten werden die Bilder ergänzt um Passagen aus Liedern oder Filmen sowie mal mehr, mal weniger bekannten Romanen, die in der Stadt handeln. Darin erfährt man bisweilen mehr über die Mentalität von Los Angeles als sonst in umfangreichen Essays. Einem Mann die Frau zu stehlen sei nicht der Rede wert, heißt es da etwa in einer Dialogzeile aus "The Postman Always Rings Twice". "Aber sein Auto zu stehlen, das ist Diebstahl."
F.L.
"Los Angeles - Porträt einer Stadt" von Jim Heimann und Kevin Starr. Taschen Verlag, Köln 2009. 572 Seiten, zahlreiche Abbildungen und Karten. Gebunden, 49,99 Euro.