17.12.2009 · Kaum jemals wirkten Menschen einsamer auf Großstadtbildern als auf denen, die Ray Metzker in den fünfziger Jahren im Zentrum von Chicago aufgenommen hat. Metzker war damals von Milwaukee an den Michigan-See gekommen, um am Institute of Design Fotografie zu studieren. Zuvor hatte er als Reporter gearbeitet; nun ging es um Kunst.
Kaum jemals wirkten Menschen einsamer auf Großstadtbildern als auf denen, die Ray Metzker in den fünfziger Jahren im Zentrum von Chicago aufgenommen hat. Metzker war damals von Milwaukee an den Michigan-See gekommen, um am Institute of Design Fotografie zu studieren. Zuvor hatte er als Reporter gearbeitet; nun ging es um Kunst. Weil László Moholy-Nagy die Akademie gegründet hatte, im Jahr 1937, hieß sie auch "The New Bauhaus".
Mittlerweile gaben Lehrer wie Harry Callahan und Aaron Siskind dessen Lust an der Abstraktion an ihre Studenten weiter. Was Ray Metzker für seine Examensarbeit in der Innenstadt Chicagos, dem "Loop", zwischen Hochbahn und Hochhäusern, in finsteren Schluchten und auf lichtdurchfluteten Boulevards fotografierte, war deshalb fern der nachrichtlichen Berichterstattung vom Alltag auf der Straße. Vielmehr verknappte er die Stadt auf großflächige, dunkle Schatten und kleine Lichtblitze dort, wo Lampen glühten oder helle Hüte die Sonne reflektierten.
Die Menschen blieben oft Schemen, mal gefangen in einer dämonischen Finsternis, mal im Angesicht der Wolkenkratzer reduziert auf die Größe von Ameisen. Hin und wieder deutete ein auf schnelle Schritte reduzierter Ausschnitt den Versuch einer Flucht an, häufiger standen die Menschen wie ratlos herum. David Riesman hatte damals mit seiner Studie "The Lonely Crowd" ein Bild der amerikanischen Gesellschaft gezeichnet, wonach Amerikaner ihre Lebensperspektiven fast willenlos nur noch über Anleitungen von außen ausrichteten. Ray Metzkers Aufnahmen wirkten wie Illustrationen dazu. Als er Jahre später diese Art zu fotografien in Philadelphia auf einen ästhetischen Höhepunkt trieb, begann er auch, die Bilder zu großen Tableaus zusammenzufügen, wie Mosaike, in denen sich ursprünglich kurze Linien zu langen Stäben addieren, hinter denen die Menschen wiederum festhängen wie in einem Käfig. Mit diesen Aufnahmen, oft metergroß zusammengesetzt, sicherte sich Ray Metzker seinen Platz in der amerikanischen Kunstgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Eine kleine Ausstellung und ein großartiger Bildband "Automagic" zeigen jetzt einen bisher wenig beachteten Aspekt aus dem OEuvre Metzkers, ein Thema, das sich buchstäblich im Vorübergehen während seiner Examensarbeit ergab, dem er dann aber über Jahre hinweg die Treue hielt: Autos. Dass er ihnen mehr Liebe entgegengebracht hätte als den Menschen, mag man nicht sagen. Bisweilen wirken sie wie Raubtiere, die Muskeln unter den Kotflügeln angespannt zum Sprung, häufiger sehen sie mit ihren schier endlos langen Flossen aus wie Haie im Meer oder Raketen auf ihrer Flugbahn - manche schon am Ziel eingeschlagen. Es sind dämonische Bilder, in denen die Autos nicht parken, sondern lauern, und in einer kleinen Porträtserie von Menschen am Steuer gewinnt man auch nicht viel mehr Vertrauen in den Straßenverkehr. Umso überraschender ist das Bild einer elegant gekleideten Dame, die so selbstbewusst zwischen den Reihen eines Staus hindurch auf den Fotografen zuschreitet, dass der Betrachter sich an Moses erinnert fühlen mag, für den das Meer sich öffnet.
Eine seltsame Ambivalenz ist diesen Aufnahmen eigen: Denn sosehr sie erschrecken, erzählen sie zugleich von der Schönheit der Karosserien und deren poliertem Lack. Und im Extremfall zeigen sie nichts als ein paar bezaubernde Linien - fast wie aus dem Skizzenblock von László Moholy-Nagy.
"Automagic" von Ray K. Metzker. Verlag Only Photography, Berlin 2009. 120 Seiten, 79 Abbildungen. Gebunden, 128 Euro - limitiert auf fünfhundert signierte Exemplare. Die gleichnamige Ausstellung ist in der Galerie Only Photography, Niebuhrstraße 78, 10629 Berlin bis zum 31. Januar 2010 zu sehen. Eine Übersicht des gesamten Werks Metzkers gibt der Band "Ray K. Metzker - Light Lines", Steidl Verlag, Göttingen 2008. 288 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 50 Euro.