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Der Irrsinn im Fels

10.12.2009 ·  Verrückt. Völlig verrückt. Das ist der erste Gedanke, der einem bei der Lektüre von Alexander Hubers Buch "Free Solo" kommt. Free Solo, das heißt: klettern ohne Seil, ohne Gurt, ohne Sicherung. Klettern in Urform, klettern als Nervenspiel, mit minimalen Mitteln und maximalem Einsatz - dem eigenen ...

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Verrückt. Völlig verrückt. Das ist der erste Gedanke, der einem bei der Lektüre von Alexander Hubers Buch "Free Solo" kommt. Free Solo, das heißt: klettern ohne Seil, ohne Gurt, ohne Sicherung. Klettern in Urform, klettern als Nervenspiel, mit minimalen Mitteln und maximalem Einsatz - dem eigenen Leben. Free Solo, schreibt der Extrembergsteiger Alexander Huber, sei für ihn der Inbegriff der Kletterkunst, nicht etwa selbstzerstörerischer Akt eines Hasardeurs. Als solcher erscheint es trotzdem manchen Außenstehenden, und die Fotos der Kletterer, die sich in oft haarsträubenden Situationen mit Zehen- und Fingerspitzen an senkrechte Felswände krallen, tragen wenig dazu bei, den Eindruck zu entkräften. Der Tod ist immer mit im Bild: Was, wenn der Fels bröckelt? Ein Griff ausbricht? Die Nerven für einen Moment versagen? Free-Solo-Klettern ist eine eigene Welt. Huber gibt sich alle Mühe, eine Brücke zu schlagen in diese fremde, schwer verständliche Welt. Er beschreibt die Anfänge in den Alpen und die Begründung des Begriffs durch den Amerikaner John Bachar, dessen Alleingänge im Yosemite Valley Anfang der achtziger Jahre Aufsehen erregten. Huber lässt die Kletterer selbst zu Wort kommen, lässt sie erzählen von der mentalen Kraft, der tranceartigen Konzentration, der perfekten Einheit von Geist und Körper. Was von außen wie ein überhebliches Spiel mit dem Tod wirkt, erfahren sie als ungeahnte Intensität des Lebens. Mit allen Zweifeln, die bleiben: Bevor Huber im Sommer des Jahres 2002 die fünfhundert Meter hohe Nordwand der Großen Zinne in den Dolomiten durchstieg, ging ihm durch den Kopf: Was würde er wohl spüren beim Absturz? Würde er sich noch ärgern über den Fehler? Erst als er die "schwarzen Gedanken" beiseitegeschoben, die innere Sicherheit gefunden hat, steigt er ein. Das erste Bild des Buchs zeigt ihn in der Wand, an einem Arm hängend, die Beine über dem Abgrund baumelnd, mit aufgerissenen Augen. Weit weg vom Rest der Welt. Free-Solo-Klettern mag verrückt wirken, hochmütig, größenwahnsinnig. Alexander Huber gelingt es dennoch, Einblicke zu geben in die Frage, was Kletterer dazu antreibt, was sie darin suchen und oft ja auch finden. Kompetent geschrieben und packend illustriert, ist "Free Solo" ein fesselndes Zeugnis einer zwiespältigen Leidenschaft.

nle

"Free Solo" von Alexander Huber. BLV Buchverlag, München 2009. 160 Seiten, 90 Abbildungen. Gebunden, 29,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2009, Nr. 287 / Seite R5
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