07.07.2011 · Die Idee ist nicht schlecht: Eine junge Frau, Modedesignerin, Generation Praktikum, geht für drei Monate nach Berlin, und anstatt sich eine Wohnung zu suchen, schläft sie jede Nacht woanders. Couchsurfing wird das genannt. Normalerweise reisen Menschen mit wenig Geld oder viel Toleranz so um die Welt, übernachten bei fremden Menschen auf dem Sofa, das diese in Internet-Plattformen anbieten.
Die Idee ist nicht schlecht: Eine junge Frau, Modedesignerin, Generation Praktikum, geht für drei Monate nach Berlin, und anstatt sich eine Wohnung zu suchen, schläft sie jede Nacht woanders. Couchsurfing wird das genannt. Normalerweise reisen Menschen mit wenig Geld oder viel Toleranz so um die Welt, übernachten bei fremden Menschen auf dem Sofa, das diese in Internet-Plattformen anbieten. Origineller ist die Idee, in neunzig Tagen nicht um die Welt, sondern innerhalb einer Stadt zu reisen. Mal landet man vielleicht in Szenebezirken wie Friedrichshain oder Kreuzberg, mal in Moabit. Mal könnte der Gastgeber ein Mann mit speziellem Badezimmer sein, mal eine Frau mit Kind. Und genau so erwartbar kommt es dann auch. Die Autorin ist mal euphorisch, mal genervt, freut sich mal auf gemeinsame Abendessen und hätte bisweilen gern ihre Ruhe. Da gilt es als bemerkenswert, dass sie unmittelbar hintereinander bei Gastgebern gleichen Alters schläft. Nach einer Siebenundfünfzigjährigen aus Erkner bei einer Siebenundfünfzigjährigen in Mahlsdorf; nach der fünfunddreißig Jahre alten Christiane bei der fünfunddreißigjährigen Tamina. Tja, was soll man auch jeden Tag so schreiben. Um nicht ganz runtergerockt auszusehen, hat Neder in ihrem Auto ihre Kleidung deponiert, dazu Fotos mit Stylingkombinationen, gemäß deren sie sich für die tägliche Arbeit kleidet. Eine geradezu absurde Kombination aus bravem Leben und wilden Nächten. Die Grundlage des Buches ist, was früher Tagebuch genannt wurde und heute Blog heißt. Lag das Tagebuch verschlossen im Nachtkästchen, liegt der Blog bloß und für alle lesbar da. Aus Neders Blog wurde eine Kolumne für Spiegel-Online. Und in ihrem Buch schreibt Neder nun über die Internetkommentare zu ihrer Kolumne. Aber so funktioniert Crossmedia nicht. Während Blogs genau davon leben, dass sie flüchtig und leicht sind und Wiederholungen beim Durchklicken nicht weiter stören, verlangt Gedrucktes nach einem Gran mehr an Bedeutung und Tiefe. Und wenn schon nichts älter ist als eine Zeitung vom Vortag, dann hat der Online-Kommentar zu einer Online-Kolumne aus dem Vorjahr noch einen weiteren Nachteil: Man kann nicht einmal einen Fisch darin einwickeln. So plappert das Buch vor sich hin, gar nicht unsympathisch. Aber doch von ruhiger Belanglosigkeit.
bär
"90 Nächte, 90 Betten. Das Tagebuch einer Couchsurferin" von Christine Neder. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2010. 318 Seiten, einige Fotos. Gebunden, 14,95 Euro.