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Sonntag, 19. Februar 2012
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Das Dorf in der Stadt

10.12.2009 ·  Dass Frankfurt ein Dorf sei, sagt man als Frankfurter, weil man in Frankfurt unentwegt Bekannten über den Weg läuft und mit den paar Fremden, die man spricht, über höchstens zwei Ecken sofort wiederum auf gemeinsame Freunde stößt. Man sagt es hingegen nicht, weil die Stadt voller Dorfläden ist; im Gegenteil.

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Dass Frankfurt ein Dorf sei, sagt man als Frankfurter, weil man in Frankfurt unentwegt Bekannten über den Weg läuft und mit den paar Fremden, die man spricht, über höchstens zwei Ecken sofort wiederum auf gemeinsame Freunde stößt. Man sagt es hingegen nicht, weil die Stadt voller Dorfläden ist; im Gegenteil. Die sind dem Frankfurter so geläufig, dass einem Harald Schröder und Julia Söhngen mit ihrem Band "Zeitkonserven" überhaupt erst deutlich machen, um welche Juwelen es sich dabei handelt. Dreißig solcher Geschäfte stellen sie vor, vom Angelbedarf an der Brauchbachstraße, einem Laden, an dessen Schaufenster sich Kinder die Nase platt drücken, bis zum Nähmaschinen Schmid an der Fahrgasse. Die Adressen sind wichtig, denn keineswegs liegen diese Geschäfte in den Seitenstraßen abgelegener Stadtteile, sondern oft mitten im Zentrum, nur wenige Schritte von der Zeil entfernt, die mit ihrem verschnurzelten Glaspalast "MyZeil" in diesem Sommer für den Konsum in Frankfurt das dritte Jahrtausend eingeläutet hat - von Kleidung bis Elektronik alles unter demselben geröhrten Dach. Die "Zeitkonserven" sind anders. Sie sind Spezialgeschäfte, in denen es beispielsweise nur Bürsten und Besen gibt, in jeder Farbe, Größe und Form, abgestimmt auf das, was man putzen möchte. Oder nur Gartenbedarf; ohne Baumarkt vorne dran und sogar ohne Pflänzchen, dafür mit Hunderten von Samentütchen für jedes erdenkliche Grünzeug, das schön aussieht oder gut schmeckt. Manches ist so speziell, dass die meisten den Laden nie betreten werden, etwa mit dem breitgefächerten Angebot an Arbeitskleidung. Anderes ist so speziell, dass man nie wieder rausgehen möchte, des Kaffees wegen oder der Törtchen. Einen schöneren Reiseführer hat Frankfurt lange nicht gehabt. Geeignet ist er auch für Zugezogene: Ein Tag etwa bei Judy im Laden - schon hat man die ersten Bekannten.

F.L.

"Zeitkonserven" von Harald Schröder (Fotos) und Julia Söhngen (Texte). CoCon Verlag, Hanau 2009. 128 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Gebunden, 24,80 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.12.2009, Nr. 287 / Seite R5
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