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Blind Date als Volkssport

04.03.2010 ·  "Wer schlaflos in Seoul ist, entdeckt ungeahnte Möglichkeiten", schreibt die neunundzwanzigjährige Vera Hohleiter, die nach ihrem Studium die schrille ostasiatische Metropole lockte. Auf ihren nächtlichen Streifzügen durch Studenten- und Künstlerviertel, Vierundzwanzig-Stunden-Läden oder ganztägig geöffnete ...

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"Wer schlaflos in Seoul ist, entdeckt ungeahnte Möglichkeiten", schreibt die neunundzwanzigjährige Vera Hohleiter, die nach ihrem Studium die schrille ostasiatische Metropole lockte. Auf ihren nächtlichen Streifzügen durch Studenten- und Künstlerviertel, Vierundzwanzig-Stunden-Läden oder ganztägig geöffnete Badehäuser und Bibliotheken verfolgt sie die "Widersprüche, die Parallelgesellschaften, die manchmal grotesken Kontraste" Koreas. Dabei muss sie erkennen, dass angelesenes Wissen und Wirklichkeit im Nebeneinander von Tempeln und Konsumtempeln, Tradition und Moderne auseinanderklaffen. Die Autorin hat nun ihre Fettnäpfchentritte, Kulturschockerlebnisse und Begegnungen der dritten Art mit modebewussten Teenagern, DJs und Workaholics, Putzrobotern und intelligenten Kühlschränken zu einem Buch gebündelt. Dabei gelingt ihr der stilistische Spagat zwischen Alltagsminiaturen und geschichtlichen Exkursen. So erklärt sie den ausgeprägten Nationalismus mancher Koreaner mit dem historischen Status des Landes als Spielball der Mächte und seinem politischen und touristischen Schattendasein zwischen China und Japan. Auch wenn koreanische Kuriositäten wie die in das Angestelltenleben integrierte Trinkkultur, Blind Date als Volkssport oder Hochzeit im Akkord allzu sehr in den Vordergrund gestellt werden, so geht das Buch auch den Ursachen von Trinkzwang und Heiratsdruck nach. Es erörtert Familienmuster wie die "Konstellation ehrgeizige Mutter und abwesender Vater" oder die aufgrund der konfuzianischen Tradition immer noch dominante Rolle der Schwiegermutter. Auch das kollektive Tragen knapper Outfits wie Miniröcke sieht Hohleiter paradoxerweise weniger als Jugendrevolte denn als Möglichkeit, in der Gruppe unterzutauchen und sich anzupassen. Ihre Stärken entwickelt die Autorin aber gerade dann, wenn sie alles Angelesene ablegt und als Beobachterin über den koreanischen Arbeitsethos, über populäre Fernsehshows - als Teilnehmerin der Sendung "Die tratschenden Schönheiten" - oder auch nur über die Soziologie des öffentlichen Badehauses sinniert.

sg

"Schlaflos in Seoul. Korea für ein Jahr" von Vera Hohleiter. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009. 192 Seiten. Gebunden, 8,95 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2010, Nr. 53 / Seite R7
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