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Berlin Wir bauen einen Hauptbahnhof

18.11.2005 ·  Am Anfang war es ein großes Loch, mitten in Berlin: Sechzehn Meter in die Tiefe reichend entsteht unter einem Glasdach der neue Lehrter Bahnhof. Der Fotograf Roland Horn hat die Bauarbeiten mit der Kamera begleitet.

Von Regina Mönch
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Am Anfang war ein großes Loch, mitten in Berlin, und trotz seiner schieren Größe in der Hauptstadt nichts Besonderes. Eines von vielen Baulöchern der Nachmauerzeit, auf einer Baustelle, so groß wie eine kleine Stadt. Es erfuhr nicht mehr die Aufmerksamkeit wie etwa die Riesenbaustelle um den Reichstag oder die am Potsdamer Platz. Die gewaltige Baustelle für den künftigen Hauptbahnhof hat man nur noch ertragen. Obwohl es hier durchaus Einzigartiges zu bestaunen gab. Die Umleitung der Spree etwa, als man Platz schaffte für das Fundament und für die Tunnel, durch die einmal die Züge donnern werden. Der Berliner als solcher, dem man zu Unrecht Ignoranz unterstellt und seine, die sogenannte Berliner Schnauze fürchtet, war wahrscheinlich schon etwas erschöpft.

Wenn links unter ihm, von der Straße durchs Autofenster gesehen, plötzlich ein Taucher seinen taucherhelmbewehrten Kopf aus der schlammbraunen Spree (oder dem, was die Bauleute dort von ihr übriggelassen hatten) hob, da guckte er nur mal kurz, sagte vielleicht noch: "Na, sowas", um sich dann wieder auf das komplizierte Umleitungssystem zu konzentrieren, das sein Leben seit anderthalb Jahrzehnten bestimmt. Die Besucher einer Baustellen-Aussichtsplattform waren von anderem Schlag. Meistens sah man dort Männer, deren Leidenschaft, der Schienenverkehr, Bahnhöfe, Züge und Gleisgewirr, sie unter ihresgleichen als "Pufferküsser" beschreibt. Die wissen Bescheid. Daß hier ein ganz einmaliger Bahnhof entsteht, eine der letzten wirklich großen Ingenieursleistungen, sechzehn Meter in die Tiefe reichend, sehr viel weniger oberirdisch, aber auch dort phänomenal! Das großartige Glasdach des Hamburger Architekten Meinhard von Gerkan haben sie durchaus beklatscht. Seine Verwurstung, mit einem nun längeren und einem kürzeren Ende und um fast ein Drittel seiner Länge beraubt, hat sie weniger berührt. Ästhetik ist ihre Sache nicht zuerst.

Helden unserer Zeit
Aber sie geraten ins Schwärmen, wenn sie sich die Einzelheiten erzählen, wie es war, als die beiden "Bügelbauten" punktgenau über das Dach geklappt wurden. Zwischen den beiden Bügelbauten, für die die Ingenieurssprache nichts Poetischeres weiß, schwingt sich quer zum Glasdach der oberirdischen Bahnsteige noch einmal eines quer nach Norden und Süden - die Bahnhofshalle gewissermaßen. Der Baukörper symbolisiert das technische Meisterwerk: Europas größten Kreuzungsbahnhof, den die Deutsche Bahn gern als "schönstes Schaufenster Deutschlands" oder "Kathedrale des Verkehrs" annonciert. Damit ist der Ärger metaphysisch umschrieben, der Ärger, den viele Berliner nur noch empfinden, wenn sie daran denken, auf was sie alles verzichten müssen, wenn sie alsbald, zwangsumgeleitet, ihren "Hauptbahnhof" benutzen werden. Auch der Zorn der Architekten geht darin unter, die sich nun vor Gericht wehren, nachdem auch noch die Decken über den Fernbahnsteigen tief unten in der Erde gewissermaßen abgehängt wurden. Statt Gewölbe nur noch Flachdach.

Der H. M. Nelte Verlag Wiesbaden hat jetzt einen Bildband vorgelegt, der mit atemberaubenden Fotos von Roland Horn dieses Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst wie den Turmbau zu Babel feiert. Die Schweißer, die Elektriker, die Betonbauer, die Flechter, die Stemmer, Vermesser, Taucher und Kranfahrer als Helden unserer Zeit!

Tausende und Abertausende Tonnen Beton

Die Tausende und Abertausende Tonnen Beton und Stahl, die sie zusammenfügten, das monumentale Puzzle "Hauptbahnhof", so wie sie es erlebten und es dieser Band zeigt und beschreibt, das wird, wenn die ersten Züge dort halten, vergessen sein. Dann soll alles gleißen und prunken und über zahllose Fahrtreppen und Fahrstühle ein Gewimmel erzeugen. Eine Reisewelt für sich, die nur noch Ankunft und Abfahrt kennt, aber keine Flechter, Taucher, Vermesser und Baggerfahrer, die keine Erinnerungen an Maulwurfsarbeit unter der Spree hindurch kennt und keine an die Schweißer auf den vielen Brücken. Eine Reisewelt, die höchstens registriert, das hunderttausend Teile ineinandergreifen und der Fahrplan keine Minute zu verschenken hat. Die Bauleute aber, die den treibsandigen Baugrund Berlins und die Spree besiegten, die neun Jahre schufteten Tag und Nacht, sie kamen aus dreißig Ländern. Neben Deutschen bauten Polen, Brasilianer, Amerikaner, Kolumbianer, Kameruner, Iraker, Spanier, Türken, Kroaten, Libanesen, Italiener - sie sprachen mit dreißig verschiedenen Zungen, doch war das einerlei. Denn über allen wachten die Ingenieure, die das Verwirrspiel der Sprachen in die eine auflösten, die internationale der Techniker, nur dem Laien und den Reisenden ganz unverständlich.

Wer sich daranmacht, das Buch "Der Ingenieurbahnhof" nicht nur anzuschauen, sondern auch zu lesen, sei gewarnt. Seit der Ingenieur aus der Literatur verschwand, nach Jules Verne und Max Frisch, hat sich ihre Sprache etwas verselbständigt. Nur der Kenner wird noch wissen, was Lenzen (Abpumpen) ist, was Schlitzwände von Leitwänden unterscheidet und was es damit auf sich hat, daß zunächst nur jede zweite Lamelle in der Schlitzwandtrasse ausgehoben und hergestellt wird. Sein Herz wird vielleicht höher schlagen, wenn er liest, wie die zehntausend Quadratmeter große Unterwasserbetonsohle - UWBS - in einem Stück innerhalb von vier Tagen à vierundzwanzig Stunden gegossen wurde.

Und weenn sie den letzten Stein gelegt haben...

Alle anderen, der technokratischen Ingenieurssprache unkundig, wird dieser Berufshimmel verschlossen bleiben. Kein Register am Schluß des Buches weiht uns in diese Geheimnisse ein. Dafür gibt es so etwas wie ein Bahnhofsbauautorenverzeichnis: Jeder Mensch, der dort, hinter dem Reichstag und dem Spreebogen, mitten in der Hauptstadt Deutschlands, die Schaufel geschwungen, den Bagger geführt, das Eisen verschweißt hat, die Glasdachscheiben zusammenfügte und Signallampen anschraubte, ist namentlich aufgeführt. Zuerst kommen die Firmennamen, dann die der Ingenieure, dann die der "Menschen, die bauen". Menschen wie Tino Alm und Karl-Heinz Behr, allein sieben Männer der Familie Balic, Jozef Buklewski und Ricardo Ramos Dos Santos, Nusret Ervuez und Nico Eifler. Und tausend andere. Und wenn sie den letzten Stein gelegt haben werden, das letzte Kabel angeschlossen, die letzte Tür eingehängt, werden sie sich wieder über die ganze Erde zerstreuen.

"Der Ingenieurbahnhof. Der Bau des neuen Berliner Hauptbahnhofs", herausgegeben von Klaus Grewe und Bernd Timmers, Verlag H.M. Nelte, Wiesbaden 2005, 200 Seiten, 49 Euro. ISBN 3-932509-30-7.

„Der Ingenieurbahnhof. Der Bau des neuen Berliner Hauptbahnhofs“, herausgegeben von Klaus Grewe und Bernd Timmers, Fotos von Roland Horn, Verlag H.M. Nelte, Wiesbaden 2005, 200 Seiten, 49 Euro. ISBN 3-932509-30-7.

Die Fotos wurden von Roland Horn zur Verfügung gestellt (www.rolandhorn.de).

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.11.2005, Nr. 262 / Seite R16
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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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