04.12.2008 · "Beim Apfelwein", sagt man in Frankfurt. Man sagt es geradeso, wie man die Formulierung andernorts benutzt, um das Lokal eines bestimmten Wirts zu bezeichnen, und Fremde könnten daraus schließen, es sei einerlei, in welcher Gaststätte man den Apfelwein trinkt; doch das Gegenteil ist der Fall. Die ...
"Beim Apfelwein", sagt man in Frankfurt. Man sagt es geradeso, wie man die Formulierung andernorts benutzt, um das Lokal eines bestimmten Wirts zu bezeichnen, und Fremde könnten daraus schließen, es sei einerlei, in welcher Gaststätte man den Apfelwein trinkt; doch das Gegenteil ist der Fall. Die Wahl des Lokals - seines Lokals - ist für den Frankfurter nicht weniger als ein Glaubensbekenntnis. Dazu von Jürgen Lentes eingeladen, aufgefordert, mitunter auch genötigt, haben für seinen Bildband "Beim Apfelwein" nun einige Frankfurter Schriftsteller, Journalisten und Zeichner sowie sehr viele Zugezogene Zeugnis abgelegt, unter ihnen etliche Redakteure und Mitarbeiter der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Cornelia von Wrangel etwa, Alexander Marguier und Freddy Langer, Greser & Lenz, Jürgen Roth und Oliver Maria Schmitt. Dem Thema angemessen, geht es in den stets persönlich gehaltenen Texten nie um Restaurantkritik; vielmehr geben die Beiträge ebenso Einblick in ein Milieu wie in eine Seele. "Er hat einen besonders kräftigen Geschmack und scheint auch alkoholischer als andere zu sein", schreibt der Romanautor Andreas Maier über den Apfelwein in "Zu den drei Steubern", denn man erreiche dort "das Stadium der Angetrunkenheit schneller als in anderen Apfelweinwirtschaften". Und Uve Schmidt geht so weit, den Erwerb einer Eigentumswohnung in Sachsenhausen zu erwägen, um dem "Kanonensteppel" näher zu sein. Eine der Empfehlungen gibt es leider nicht mehr, "Michi" Herls Favorit "Oma Rink", und ein Lokal ist erfunden. Der Rest des opulent bebilderten Buchs aber taugt als formidabler Führer durch das etwas andere, ganz eigene Frankfurt.
F.A.Z.
"Beim Apfelwein - Frankfurter Wirtschaftsgeschichten", herausgegeben von Jürgen Lentes. B3 Verlag, Frankfurt 2008. 216 Seiten, zahlreiche Farbfotografien sowie einige Zeichnungen. Gebunden, 26 Euro.