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Aufbruchstimmung im Schwellenland

 ·  Die Journalistin Karin Steinberger, deren Meinung nach es keinen schöneren, aber auch keinen traurigeren Ort gebe als Indien, zeichnet den Subkontinent in facettenreichen Reportagen als Land der Gegensätze zwischen Askese und IT-Zukunftsland, Elendsvierteln und virtuellen Welten, Religiosität und Fortschrittsglaube, Mythos und Moderne.

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Die Journalistin Karin Steinberger, deren Meinung nach es keinen schöneren, aber auch keinen traurigeren Ort gebe als Indien, zeichnet den Subkontinent in facettenreichen Reportagen als Land der Gegensätze zwischen Askese und IT-Zukunftsland, Elendsvierteln und virtuellen Welten, Religiosität und Fortschrittsglaube, Mythos und Moderne. Die Autorin interessieren Spannungsverhältnisse und Phänomene wie Kastendenken und Globalisierung, kosmopolitische Tendenzen und traditionsverhaftete patriarchalische Strukturen. So wird in "Eine Frage des Preises" die ruinöse Praxis der Mitgiftzahlung am oft zitierten Beispiel der Inderin Nisha Sharma, die sich gegen eine arrangierte Hochzeit zur Wehr setzte, thematisiert. Kontrapunktisch hierzu steht angesichts des Matriarchats der Khasi im äußersten Nordosten Indiens eine leise ironische Recherche zur "womöglich einzigen Männer-Emanzipationsbewegung der Welt". Neben Geschlechterbeziehungen geht der Band auch religiösen Konfliktlinien nach: "Tempel des Zorns" erzählt von der von fanatischen Hindus in Ayodhya 1992 zerstörten Babri-Moschee, an deren Stelle den Agitatoren zufolge zuvor ein Hindu-Tempel gestanden hatte, der nach ihrem Wunsch wiedererrichtet werden soll. In dem atmosphärisch dichten Indien-Kaleidoskop berichtet Steinberger von Konservatismus und Korruption, aber auch von Aufbruchsstimmung und Vitalität des Schwellenlands. In ihren gerade im Alltagsdetail für den gesellschaftlichen Status quo aufschlussreichen Notizen porträtiert die Autorin Profiteure des Aufschwungs ebenso wie im Windschatten der Moderne zurückgebliebene Globalisierungsverlierer, skizziert sie pittoreske Anachronismen wie Rikschafahrer in Kalkutta oder Stilleben am Ganges wie den "täglichen spirituellen Zirkus" von Varanasi. Der heilige Fluss der Inder, in rituellen Pilgerreisen verehrt und verunreinigt durch Industrieabwässer, durchzieht mit seinen lebensspendenden und unheilbringenden Attributen leitmotivisch Steinbergers Buch. Die Grenzen des Wachstums und Kehrseite des Wirtschaftsstandorts Indien bezeugen die Ganges-Erzählung "Der Göttin beflecktes Antlitz" oder die bewegende Reportage "Die Nacht, in der die Vögel vom Himmel fielen" über die Giftgaskatastrophe von Bhopal 1984. Leider werden die zahlreichen, der indischen Mythologie entnommenen Fachtermini in keinem Glossar erläutert.

sg

"Shiva und die falschen Babas. Indische Identitäten" von Karin Steinberger. Picus Reportagen. Picus Verlag, Wien 2007. 152 Seiten. Gebunden, 14,90 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.2008, Nr. 266 / Seite R8
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