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Alles. Es gibt alles

29.07.2010 ·  Hartnäckig hält sich in Deutschland das Bild vom Markt, dessen Stände um einen Brunnen herum sortiert sind. Alte Weiber mit roten Wangen verkaufen Blumen und Gemüse, und die Menschen kommen weniger der Waren wegen als der Neuigkeiten, die hier ausgetauscht werden. Jeder kennt jeden, und die Rentner lupfen den Hut, wenn sie die Damen bei ihren Einkäufen grüßen.

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Hartnäckig hält sich in Deutschland das Bild vom Markt, dessen Stände um einen Brunnen herum sortiert sind. Alte Weiber mit roten Wangen verkaufen Blumen und Gemüse, und die Menschen kommen weniger der Waren wegen als der Neuigkeiten, die hier ausgetauscht werden. Jeder kennt jeden, und die Rentner lupfen den Hut, wenn sie die Damen bei ihren Einkäufen grüßen. Dekorativ hängt aus den Körben das Grünzeug eines Bündels Mohrrüben heraus, und führt jemand seinen Hund spazieren, wirft der Fleischer dem Tier einen Zipfel Wurst entgegen.

In Odessa ist das anders. Weniger beschaulich, weniger übersichtlich, weniger gesellig. Der Markt, der früher "Feld der Wunder" genannt wurde und jetzt nur noch "Sieben Kilometer" heißt, weil er sieben Kilometer vor den Toren der Stadt liegt, ist ein Markt der großen Zahlen: zwanzigtausend Händler, zweihunderttausend Käufer, zwanzig Millionen Dollar Umsatz - jeden Tag. Verkauft wird aus sechzehntausend Containern, die in Reih und Glied kilometerlange Korridore bilden, jede Reihe anders lackiert, damit man sich leichter zurechtfindet. Nur wer sich auskennt, findet, was er sucht. Geben tut es: alles. Mit siebzig Hektar Fläche gilt der "Sieben Kilometer" als der größte Markt Europas.

Es ist ein Billigmarkt, dessen Waren hauptsächlich aus China, der Türkei und den ehemaligen Ostblockstaaten stammen. Es ist auch ein Umschlagplatz, auf dem sich die Händler der Ukraine eindecken. Dann kaufen sie palettenweise ein, aber manchmal auch nur so viel, wie sich in einen Koffer quetschen lässt.

Nicht jedes Etikett ist hier echt, und nicht jeder Händler war darauf erpicht, von Kirill Golovchenko fotografiert zu werden. So verbrachte der ukrainische Fotograf immer abwechselnd einige Stunden auf dem Markt und einige auf dem Polizeirevier. Zu kurz hatte Viktor Dobrjanskij, der Betreiber und in gewisser Weise auch Besitzer dieses Markts, ein Mann, von dem man in Odessa sagt, er sei "sehr reich", seine schützende Hand über den Fotoreporter gehalten. Nun müsse es gut sein, sagte er nach einer Woche. Aber es war noch nicht gut. Und dann arbeitete er, der bei den Händlern wie beim Sicherheitspersonal längst gut bekannt war, in Verkleidungen weiter, die Kamera unter dem Mantel. Denn Golovchenko wollte sich nicht mit zwei, drei Doppelseiten in einem Magazin zufriedengeben. Er widmete dem Markt ein Buch: "7KM".

Es ist eine packende Bilderzählung, die dem Geschehen eines Tages folgt, von den Lastern, die in der Frühe anrollen, bis zu den Chinesen, die lang nach Mitternacht Stapel von Geldscheinen zählen. Es ist eine düstere Welt, die er abbildet - all den bonbonbunten Textilien und Luftballons zum Trotz. Kein romantischer Handelsplatz, sondern ein Schaustück aus der Geschichte des Frühkapitalismus. Und vielleicht gerade deshalb auch eine erwägenswerte Touristenattraktion für Ukraine-Urlauber.

"7KM" von Kirill Golovchenko. Snoeck Verlag, Köln 2010. 144 Seiten, 75 Fotos. Gebunden, 29,80 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.07.2010, Nr. 173 / Seite R6
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