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Abtauchen im letzten Paradies

24.09.2009 ·  Dass der Alpenraum immer dichter besiedelt wird, ist ein weitverbreiteter Irrtum. Mancherorts hat sogar die Rückverwandlung menschlichen Nutzraums in Wildnis stattgefunden. Extremstes Beispiel ist das norditalienische Val Grande, das 1992 zum Nationalpark erklärt wurde. Die alte Kulturlandschaft ...

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Dass der Alpenraum immer dichter besiedelt wird, ist ein weitverbreiteter Irrtum. Mancherorts hat sogar die Rückverwandlung menschlichen Nutzraums in Wildnis stattgefunden. Extremstes Beispiel ist das norditalienische Val Grande, das 1992 zum Nationalpark erklärt wurde. Die alte Kulturlandschaft ist hier bereits in einen dichten Vegetationsteppich eingewachsen, aus dem die Reste der einstigen Dörfer gespenstisch herausragen. Die traditionellen Verbindungswege und Saumpfade sind allerdings noch erhalten, sie stehen im Mittelpunkt dieses Wanderführers. Er beschreibt fünfzehn ein- bis viertägige Touren durch eine schroffe und aussichtsreiche Gebirgslandschaft, die der italienische Journalist Teresio Valsesia als "ultimo paradiso" bezeichnet hat. Bernhard Herold Thelesklaf porträtiert dieses in einer angenehm klaren und dennoch lebendigen Sprache. Statt nur das Idyll zu beschwören, konfrontiert er den Leser in ausführlichen Themenkapiteln auch mit unromantischen Aspekten der regionalen Kulturgeschichte - mit der Zeit der Widerstandskämpfer etwa oder mit der Tatsache, dass man Kinder an städtische Schornsteinfegerbetriebe vermietete, die ihnen wenig zu essen gaben, damit sie in den Kaminen nicht stecken blieben. Dass sich das Val Grande früher als andere Berggebiete entvölkerte, erklärt sich aus der Nähe zum Lago Maggiore, an den sich eine der arbeitsplatzintensivsten Industrieregionen Europas anschließt. Ein nicht weniger wichtiger Abwanderungsgrund war allerdings das "Rastellemento": SS-Spezialeinheiten hatten im Juni 1944 eine Offensive gestartet, bei der sie das Gelände systematisch durchkämmten. Das Ziel: die vollständige Liquidierung aller Partisanen. Dabei gab es nicht nur viele Opfer unter der Zivilbevölkerung, es wurde auch die gesamte Infrastruktur der Täler zerstört. Traumatisiert und ihrer Lebensgrundlagen beraubt, gaben die Einheimischen bald nach Kriegsende ihre Heimat auf und machten damit einer Natur Platz, deren Wert erst in den vergangenen Jahren erkannt wurde. Zwar kehrt der Mensch jetzt als Tourist wieder, mit einer Invasion ist jedoch nicht zu rechnen. Nicht nur wurde die Kernzone völlig gesperrt, man hat auch im restlichen Nationalparkgebiet darauf verzichtet, neue Zugangswege und -straßen zu bauen. So muss der Besucher über weite Strecken zu Fuß gehen. Andere deutschsprachige Führerliteratur zum Val-Grande-Gebiet gibt es nicht. Es braucht sie auch nicht.

fitz

"Nationalpark Val Grande - Unterwegs in der Wildnis zwischen Domodossola und Lago Maggiore" von Bernhard Herold Thelesklaf. Rotpunktverlag, Zürich 2008. 296 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Broschiert, 26 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.09.2009, Nr. 222 / Seite R4
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