01.12.2008 · Ein Buch sieht das Ende der Massenproduktion kommen
Sogenannte Kreative oder Individualisten stören sich an hierarchischen Konzernstrukturen, und zwei Autoren vermerken in einem neuen Buch, dass die Machtverhältnisse zwischen Kleinst- und Megaunternehmen derzeit kippen - zugunsten der ganz Kleinen. Holm Friebe und Thomas Ramge beobachten in ihrem Buch, die Welt drehe sich "in diese Richtung".
Eine Welt Marke Eigenbau! In dieser Welt, die sich Schritt für Schritt von der industriellen Massenproduktion emanzipiert, wird es demnach bald noch mehr Bionade zu trinken geben, mehr kostenlose Open-Source-Software zum Selbst-Weiterprogrammieren, handgebastelte Filztaschen für den I-Pod, selbstgemachte Steuererklärungen mit Elster, Tauschbörsen und Internetplattformen für Musik und Kunsthandwerk aus der ganzen Welt. Die beiden Autoren nennen herzerfrischende Beispiele kleiner Existenzgründer, die zum Beispiel in Berlin eigenhändig Lampen produzieren und davon leben können. Viele kleine Rebellen gegen die Zumutungen der Abhängigkeit, in die uns die moderne Arbeitsteilung seit dem 19. Jahrhundert drängt.
Ein Buchkapitel zeigt sozialpsychologisch fundiert, wie permanente Fremdbestimmung Menschen in die innere Kündigung und ins Unglück treiben kann, und wie der Frust der fleißigen Arbeiter steigt und dass durch die immer drohende Arbeitsplatzverlagerung auch Loyalität zum Arbeitgeber langfristig immer weniger belohnt wird. Friebe und Ramge betonen den Wert der intrinsischen Motivation, einer "Versunkenheit" in die eigene Arbeit, und sehen auch dadurch begründet eine massenhafte "Flucht in die Selbständigkeit".
Wer hätte etwas dagegen, wer würde sich nicht freuen, gleich ab morgen früh etwas versunkener, selbstbestimmter, freier zu arbeiten, doch die spannendere Frage ist ja: Massenphänomen oder nicht? Die vielen Einzelbeispiele und auch die betont optimistische Sicht des Internets, das Gründern große Chancen biete und so "dem Einzelnen die Macht" zurückgeben werde, wirken durchaus ermutigend und werden mit vielen ideengeschichtlichen Episoden gefüttert. Dass die Autoren daraus unbedingt einen "Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion", so der Untertitel des Buches, konstruieren müssen, mag in ihrer persönlichen Sympathie für kleine Produktionsstrukturen und Produkte, die in kleinen Stückzahlen hergestellt werden, begründet sein, die sich auch in den Autorbiographien zeigt (von Holm Friebe ist zu lesen, er selbst habe nie eine Bewerbung geschrieben). Dabei argumentieren die beiden größtenteils anhand von Beispielen aus der Welt der Online-Berufe, der Werbung, des Journalismus oder des Coachings, die schon immer klassische Freiberufe waren und daher nie Orte der Massenproduktion.
Die Vorteile von Massenprodukten und großer Marken werden nicht recht ernst genommen: enorme Preisvorteile, einheitliche Qualität, eine Komplexitätsreduktion für den Konsumenten, der eben weiß, wie der massenhaft produzierte Fishmac schmeckt - aber nicht einschätzen kann, ob ihm vom wunderbar selbstgemachten Döner nebenan schlecht wird. Dass ausgerechnet die angebliche Erfolgsgeschichte der chinesischen Website www.alibaba.com das Ende der Massenproduktion belegen soll, ist skurril - eine Internetseite, in der Leute aus aller Welt chinesische Massenprodukte bestellen können. Und auch die Erfolgsgeschichte der Apple-Produkte soll irgendwie belegen, dass die Massenware im Niedergang begriffen ist, ganz so, als würden die Gehäuse von Familienunternehmen in liebevoller Handarbeit rundgefeilt.
Die Sympathie der Autoren für individuelle Produkte und kleinteilige Produktionsstrukturen entfaltet sich als ein buntes Sammelsurium passender und absurder Beispiele zu einer großen Ethik des Andersseins. Dass in der potentiellen Zielgruppe ihres Buches, die sich Loha-Bewegung ("Lifestyle of Health and Sustainability") nennt, jede Konsumentscheidung politisch wird, hätten die Autoren auch distanziert sehen können, doch stattdessen heroisieren sie den von ihnen beschriebenen Aufstand selbst als "Form einer klandestinen Widerstandsbewegung, eines Guerillakrieges". Humor, der sich vorwiegend durch die Umschlaggestaltung (zum Selbstbesprühen!) vermittelt, hätte das Buch gut vertragen, weit besser als die vielen Neologismen aus dem unsäglichen Vokabular der Zukunftsforscher, die als Überschriften einzelne Kapitel markieren: Crafting, Coworking Sohos, Prosuming, Hybrid Economy, Fabbing, Crowdsourcing. Viele winzige Nischen bleiben eben doch Nischen und bilden kein Massenphänomen.
JAN GROSSARTH