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Wohlstand neu denken

08.03.2010 ·  Meinhard Miegel wettert gegen den Wachstumskonsens

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Auf dem Markt der Literatur über ökologische Nachhaltigkeit tummeln sich allerlei windige Gestalten. Das ist bedauerlich, denn es gäbe viel darüber zu sagen, was auf eine Gesellschaft zukommt, die gleichzeitig mit der wachsenden Ressourcenknappheit, ihrer eigenen Alterung und der steigenden Staatsverschuldung konfrontiert wird. Seichtes Gefasel über einen Lebensstil der Gesundheit und Nachhaltigkeit (nach den englischen Initialen auch "Lohas" genannt) ist meist spekulativ und wenig erhellend. Selbsternannte Zukunftsforscher springen gern auf den fahrenden Zug auf, ohne dass sie Substantielles zu sagen hätten. Und eine verallgemeinerte Wachstumskritik - halbinformiert und naiv ins Blaue hinein formuliert - schadet dem Anliegen, zu einer zukunftsfähigen Entwicklung beizutragen, meist mehr als zu nutzen.

Meinhard Miegel ist glücklicherweise von ganz anderem Kaliber. Drei Jahrzehnte lang hat er das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn geleitet und wahrlich dicke Bretter gebohrt. Er hat den Deutschen beigebracht, dass weniger Kinder und älter werdende Menschen den Sozialstaat auf Dauer überfordern werden. Als er mit seiner Arbeit begann, wollte ihm das noch keiner glauben. Nun hat er sich einen ähnlichen Brocken herausgesucht: den Wachstumskonsens, der sich praktisch durch alle Gesellschaftsschichten und durch alle Staaten zieht.

"Mittel, die Wachstum erwarten lassen, sind damit selbstredend geheiligt", kritisiert Miegel. Deshalb werde vor milliardenschweren Rettungsschirmen für Banken, Abwrackprämien und Konsumgutscheinen nicht zurückgeschreckt. Dabei deuteten Entwicklungen auf den Märkten für Energieträger und Nahrungsmittel, die Wasserknappheit und der Klimawandel darauf hin, dass Grenzen der Expansion erreicht seien. Erderwärmung und Artenschwund habe es zwar auch früher gegeben. Gleichgültigkeit sei aber nicht gerechtfertigt. "Denn das meiste davon spielte sich in Zeiten ab, als es den Homo sapiens, den modernen Menschen, noch nicht gab."

Der Ton, den Miegel anschlägt, ist nicht weniger dramatisch als in der oft als apokalyptisch verspotteten Ökoliteratur der siebziger Jahre. Zudem bedient er sich etlicher Argumente, die in der Auseinandersetzung um die sozialen und ökologischen Grenzen des Wachstums lange bekannt sind. Miegel ist es aber zu verdanken, dass er diese beiden Argumentationsstränge, die sich auf große Ökonomen wie Smith und Keynes auf der einen, auf Malthus und Mill auf der anderen Seite zurückführen lassen, zusammenführt. Und er denkt weiter, wie das Sozialwesen damit umgehen kann, wenn "das goldene Kalb", wie er es nennt, eines Tages ersetzt werden muss. Dabei bleibt er dankenswerterweise nicht bei der wohlfeilen Empfehlung, die zu erwartenden Konflikte einfach über Umverteilung zu lösen.

Die Suche nach einem alternativen Paradigma bezeichnet Miegel als größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Seine Analyse liefert einen wichtigen Denkanstoß, der eine vertiefte Auseinandersetzung verdient. Es ist ein kraftvolles Buch, das von der sorgfältigen Argumentation und dem souveränen Erzählstil des Autors lebt. Das merkt man in den Passagen, in denen er das sichere Terrain der sozialwissenschaftlichen Analyse verlässt und die ökologischen Indizien für seine These zusammenträgt. Sie sind ein wenig mühsamer zu lesen. Was Miegel aber über einen künftigen immateriellen Konsumstil und neue Anreizsysteme bei stagnierendem finanziellen Spielraum zusammenträgt, ragt weit über das hinaus, was sonst veröffentlicht wird.

PHILIPP KROHN

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.03.2010, Nr. 56 / Seite 14
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