01.03.2010 · Ein Anwalt hat seinen Berufsstand erforscht
Der Titel führt ein wenig in die Irre: Nicht bloß einzelne Advokaten stellt Felix Busse in seinem Buch vor. Vielmehr geht es um die gesamte Anwaltschaft hierzulande und deren Entwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Busse hat eine Kombination aus Geschichtsbuch und Gegenwartskunde geschrieben. Das Werk ist faktengesättigt, die Fülle an Details schier unerschöpflich. Mancher wird es daher als Nachschlagewerk nutzen - dabei aber bei wohl jeglichem Thema fündig werden, das die Zunft der Rechtsberater seit der Befreiung vom Nationalsozialismus beschäftigt.
Gegliedert ist das Kompendium zweifach: in verschiedene Zeitetappen (etwa die Phase der Militärregierung der Alliierten) wie auch in West und Ost. Denn dies ist eines der besonderen Verdienste Busses. Selbst in der DDR zur Schule gegangen, beleuchtet er nun auch die Rolle der Anwälte in der kommunistischen Diktatur gründlich. Dafür hat er Interviews mit juristisch beschlagenen Zeitzeugen geführt - vom heutigen Linkspolitiker Gregor Gysi über den damaligen Unterhändler für den Freikauf von politischen Gefangenen durch den Westen, Wolfgang Vogel, bis zum Ost-CDU-Mann Lothar de Maizière.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt im fundamentalen Wandel des Berufsrechts. Vieles, was heute in Zeiten der Globalisierung selbstverständlich erscheint, war noch vor wenigen Jahrzehnten vom Standesrecht her streng verboten: Werbung für Kanzleien; Sozietäten mit mehr als einem Standort oder gar in verschiedenen Ländern; das Recht, nicht nur an einem einzigen Landgericht im gesamten Bundesgebiet aufzutreten. "Lächerliche Kleinigkeiten wurden als unzulässige Werbung verfolgt", rügt Busse - und dies "mit inquisitorischem Eifer". Da kamen schon einmal Vertreter der Anwaltskammern und maßen die Größe des Namensschildes an der Kanzleitür nach. Für Rechtsanwälte, die sich nach ihrem Selbstverständnis gerne am Staat reiben, kommt selbst das Einschreiten ihrer eigenen Selbstverwaltungsorgane mitunter einem autoritären Eingriff in Freiheitsrechte gleich.
Vieles von dieser Entwicklung hat das Bundesverfassungsgericht mit seinen legendären "Bastille-Entscheidungen" von 1987 eingeleitet (sie heißen so, weil sie auf den 14. Juli fielen). Mittlerweile geht weiterer Druck in dieselbe Richtung von der Europäischen Union aus. Busse sieht all dies positiver als manche Kritiker, die einen "Sittenverfall" beklagen und eine Wandlung zum merkantil denkenden "Rechtskaufmann" argwöhnen. Die von Busse zitierte Akzeptanz der Rechtsberater in Meinungsumfragen scheint ihm recht zu geben.
Auch dass sich sein Berufsstand in dem von ihm beschriebenen Zeitraum vervielfacht hat und mancher Robenträger vorrangig vom Taxifahren lebt, beunruhigt ihn wenig - zumal womöglich mehr als ein Drittel der zugelassenen Anwälte nur den schönen Titel führen, aber diesen Beruf nicht ernsthaft ausüben will. Busse steuert ökonomische Daten bei, denen zufolge der Markt für Beratungsdienstleistungen ebenfalls deutlich gewachsen ist. Dass der Verfasser einst selbst Präsident des Deutschen Anwaltvereins war, garantiert profunde Insiderkenntnisse. Mitunter gewinnt der Band dadurch Züge einer Autobiographie - zumal Busse sich nicht scheut, in der ersten Person zu schreiben. Wer ihn kennt, wird schmunzeln; über einen anderen Sprachstil wäre man da eher überrascht gewesen.
JOACHIM JAHN