19.07.2010 · Rajan, Authers, Kotlikoff - drei neue Bücher aus Amerika
Sie galten als Spielverderber: Die wenigen Ökonomen, die in den Boomjahren vor der Finanzkrise auf Risiken hinzuweisen wagten. So ging es dem indischstämmigen Raghuram Rajan, der an der Universität Chicago lehrt und von 2003 bis 2006 Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) war. Rajan hat tatsächlich vor der Krise deutlich gewarnt, etwa 2005 auf der Zentralbanker-Konferenz in Jackson Hole. Fast alle Redner lobten dort den scheidenden Fed-Chef Allan Greenspan, dessen expansive Geldpolitik den Boom getrieben hatte. Rajan hingegen verdarb die Feierrunde. Er warnte vor falschen Anreizen und zu hohen Risiken im Finanzsektor, die das ganze System in Gefahr bringen könnten. Die großen Zentralbanker keilten zurück. "Ich übertreibe nur ein wenig, wenn ich sage, ich fühlte mich wie ein früher Christ, der in eine Versammlung von halbverhungerten Löwen geraten war", erinnert sich Rajan in seinem soeben erschienen Buch "Fault Lines" (deutsch: Bruchlinien).
Das Buch mit dem Untertitel "Wie verdeckte Brüche die Weltwirtschaft immer noch bedrohen" ist eine kluge, ausgewogene und in manchen Punkten ungewöhnliche Analyse der Krise und der notwendigen Reformen, um eine neue Krise zu verhindern. Ausgewogen, weil Rajan zwar nicht verneint, dass die Gier der Banker eine wichtige Rolle spielte - dagegen hilft eine Reform der Anreizsysteme, etwa mit längeren Haltefristen für Boni und höheren Anforderungen für haftendes Eigenkapital. Doch Gier allein war es eben nicht. Dass es 2008/2009 zur schwersten Finanzkrise seit acht Jahrzehnten kam, hatte tiefere Ursachen: Staatsversagen und makroökonomische Verwerfungen.
Überzeugend erklärt Rajan, wie das Kartenhaus der "Subprime"-Kredite in Amerika mit staatlicher Billigung, ja auf Anweisung der Politik gebaut wurde: "Es gab einen von der Regierung organisierten Vorstoß, an die wenig Begüterten zu verleihen", schreibt er im Kapitel "Let them eat credit". Hinter den Hypotheken standen die staatlich gelenkten Immobilienfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sowie die Federal Housing Administration. Im Jahr 2000 hatte die Clinton-Regierung den Community Reinvestment Act verschärft, so dass Banken nun 50 Prozent ihrer Darlehen an Ärmere und Minderheiten vergeben mussten. Die Folge war ein irrer Preisboom gerade für Häuser im unteren Segment.
Rajan bleibt aber nicht bei der Kritik dieses Politikversagens stehen; er fragt, warum Amerikas Regierungen so gerne zur Kreditspritze greifen, um die Wünsche der unteren Schichten zu befriedigen - und als tiefere Ursache davon sieht er die gewachsene materielle Ungleichheit, die politischen Sprengstoff birgt, zumal es große Widerstände gegen fiskalische Umverteilung gibt. Wer eben kein gutes Einkommen hat, muss "Kredit essen". Um aus der Spirale von Ungleichheit und Kreditkonsum herauszufinden, fordert Rajan eine große soziale Bildungsoffensive.
Einen ähnlichen Ansatz hat Rajan auch, wenn es um die Erklärung der expansiven Geldpolitik der Fed geht, die den Treibstoff des Kreditbooms lieferte. Nach Ansicht Rajans reagierte die Fed deshalb so extrem auf jeden wirtschaftlichen Abschwung (wie etwa die Rezession nach Platzen der Dotcom-Blase), weil sie unter politischem Druck steht, auf Teufel komm raus die Konjunktur stärker anzuregen, um die Arbeitslosenquote zu senken. Voll Angst starren auch jetzt die Regierung und die Zentralbank auf den nur langsamen Beschäftigungsaufbau; die Fed lässt die Geldschleusen zu weit offen (wie schon in den Jahren 2002 bis 2004). Rajan sieht die Gefahr, dass die Wirtschaft "von Blase zu Blase" getrieben werde. Damit die Fed vorsichtiger agiere, müsste sie von den Sorgen um die Beschäftigung entlastet werden - und dafür bräuchte es eine bessere Arbeitslosenversicherung, fordert Rajan. Dann würden automatische Stabilisatoren die Konjunktur stützen - wie in Europa -, die Geldpolitik könnte gemäßigter werden.
Nicht alle Fehler, die zur großen Krise führten, sieht Rajan in Amerika, das auf Pump über seine Verhältnisse gelebt hat. Auch die exportstarken Volkswirtschaften, die hohe Leistungsbilanzüberschüsse aufweisen und ihr Kapital in Amerika anlegten, müssten sich ändern. China solle den Yuan aufwerten, das wäre zum eigenen Besten des Landes, weil es den Inflationsdruck mindert und die Kaufkraft der Bürger erhöht. Japan und Deutschland empfiehlt Rajan, ihre Binnendynamik zu stärken, indem sie den Dienstleistungssektor liberalisieren. Mehr Wettbewerb, der bislang fehle, würde die Preise senken, die Nachfrage stärken und die Binnenkonjunktur erhöhen. Damit kämen sie von einer übermäßigen Exportorientierung weg, die der Autor auch als eine der Krisenursachen sieht, weil wegen der Leistungsbilanzüberschüsse zu viel Kapital nach Amerika geströmt sei, das dort zu Überkonsum verleite.
Beeindruckend an Rajans Buch ist, was für ein großes Knäuel an Ursachen er ausmacht, dessen einzelne Fäden er sorgsam entwirrt und erklärt. Nicht jedes Detail mag überzeugen, doch ist dies ein wichtiges Buch zum Verständnis der Krise - und der nächsten Krise, die darauf folgen mag.
Ein völlig anderes, aber gleichwohl ebenfalls sehr interessantes Krisenbuch hat John Authers geschrieben, der über Jahre aus New York für die "Financial Times" über die Kapital- und Rohstoffmärkte berichtet hat. "The Fearful Rise of Markets" (deutsch "Der furchtsame Aufstieg der Märkte") beschreibt in knapp 30 geschickt arrangierten Kapiteln die dynamische Entwicklung der Märkte für Wertpapiere, Devisen und Rohstoffe in den vergangenen Jahren. Seine inhaltsreichen Darstellungen ergänzt Authers mit zum Teil verblüffenden Charts. Wer etwas über die Enstehung moderner Finanzmärkte lernen will, ist daher mit diesem Buch in jedem Falle gut bedient - unabhängig davon, ob er die Kernthese Authers' zur Finanzkrise teilt.
Diese Kernthese lautet, dass die wachsende Bedeutung der institutionellen Großanleger wesentlich zur Häufung der Zyklen von Boom und Crash in den vergangenen Jahrzehnten beigetragen hat. Denn auch diese Anleger sind anfällig für Gier und Angst, und vergleichbare Anreizstrukturen (etwa für die Vergütung) sorgen für ein ausgeprägtes Herdenverhalten. Als Ergebnis führen immer weniger Märkte ein Eigenleben - mit am beeindruckendsten sind jene Charts in Authers Buch, die zeigen, wie Märkte, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben sollten, über Jahre völlig synchron laufen.
Als erfahrener Finanzjournalist kommt Authers zu dem naheliegenden Schluss, dass viele Finanzmärkte weniger effizient sind als gedacht und dass der Zyklus von Hausse und Baisse das Ergebnis eines menschlichen Handelns ist, das sich nicht einfach durch bessere Regeln abstellen lässt.
Ein halbes Dutzend Nobelpreisträger und rund 20 weitere Autoren, von denen mindestens ein halbes weiteres Dutzend den Nobelpreis noch erhalten dürfte, hat in dem Buch anerkennende Worte über Laurence Kotlikoffs "Jimmy Stewart is dead" hinterlassen. Mit seinem kuriosen Titel nimmt der amerikanische Ökonom Bezug auf den Film "It's a Wonderful Life" von 1946, in dem der berühmte Schauspieler James Stewart einen ehrlichen Banker spielt, der unverschuldet in Schwierigkeiten gerät, worauf ihm Gott einen Schutzengel sendet.
Auf Schutzengel und andere Wunder darf man nicht vertrauen, und ehrliche Banker findet man am ehesten noch in Filmen - das ist Kotlikoffs Befund, der ihn zu einem radikalen Schluss kommen lässt. Banken, in denen die Geschäftsführung nicht wie bei einem Privatbankhaus persönlich haftet, dürfen keine risikobehafteten Geschäfte mehr betreiben und damit auch nicht spekulieren. Investmentbanking, Fristentransformation und Geldschöpfung gibt es nicht mehr in Kotlikoffs Bankenmodell, in dem die Banken in Investmentfonds verwandelt werden, denen die Bürger vertrauensvoll ihr Geld überlassen können. Und da die Geschäftsbanken kein Geld mehr schöpfen können, gewinnt in Kotlikoffs Modell die Zentralbank die Kontrolle über die Geldmenge zurück.
Kotlikoff räumt ein, dass er kein Fachmann in monetärer Ökonomik ist, und an manchen Stellen seines Werkes klingt dies auch durch. Der Gedanke, Banken die Geldschöpfungsmacht zu nehmen, stammt nicht von ihm, sondern wurde von dem amerikanischen Ökonomen Irving Fisher in der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre entwickelt. Kotlikoff sieht sich allerdings nicht als Nachfolger Fishers, sondern beansprucht, einen viel weiter reichenden Reformvorschlag zu unterbreiten.
PHILIP PLICKERT /
GERALD BRAUNBERGER