10.05.2010 · Eine klassische Kontroverse mit hochaktuellen Bezügen
Den 2007 verstorbenen Erich Hoppmann darf man getrost als modernen Klassiker der Theorie der Wettbewerbspolitik bezeichnen. Ihm zu Ehren ist nun ein von Viktor Vanberg, dem Leiter des Freiburger Eucken-Instituts, herausgegebener Aufsatzband erschienen. Nicht nur für die dogmengeschichtlich Interessierten sollte Hoppmanns Kontroverse mit Erhard Kantzenbach (und anderen) von Interesse sein, die Norbert Eickhof in seinem sehr gelungenen Beitrag rekonstruiert.
Im Kern ging es um das grundlegende Ziel der Wettbewerbspolitik, nämlich die Erreichung bestimmter wirtschaftspolitischer Ziele wie Wachstum oder Verteilungsgerechtigkeit oder den Schutz der Wettbewerbsfreiheit. Die zweite Position ist untrennbar mit dem Namen Hoppmanns verbunden. Darüber hinaus hat er zur Weiterentwicklung der spezifisch deutschen Variante einer dynamischen Wettbewerbstheorie beigetragen, wie Wolfgang Kerber herausstellt.
Gegenwärtig wird auch über die normative Grundlage von Wettbewerbspolitik gestritten. Die Alternativen lauten Effizienz oder Wettbewerbsfreiheit. Viktor J. Vanberg und Walterscheid/Wegehenkel vertreten in ihren Beiträgen mit durchaus unterschiedlichen Begründungen Hoppmanns Position. Dieter Schmidtchen und Carl Christian von Weizsäcker plädieren dagegen für eine Orientierung am Effizienzziel. Ihr Hauptargument besteht in der mangelnden Eignung des Freiheitsziels, Abwägungen zwischen Individuen schlüssig zu begründen.
Zugleich betraf die Hoppmann-Kantzenbach-Kontroverse die konkrete Ausgestaltung des Kartellrechts: Wie sollen etwa die Missbrauchsaufsicht oder die Fusionskontrolle ausgestaltet sein? Als Einzelprüfung durch die Kartellbehörde oder in Form von allgemeinen (Verbots-)Regeln? Hoppmann vertrat auch diesbezüglich eine dezidierte Meinung, die ihn zu vehementem Widerspruch zur Konzeption Kantzenbachs ebenso wie zur Praxis des Bundeskartellamts führte. So plädierte er für ein generelles Fusionsverbot. Nur auf diese Weise sei ein unerwünschter behördlicher Entscheidungsspielraum zu verhindern.
Damit sind wiederum hochaktuelle Fragen angesprochen. Eine wichtige Konsequenz des "More Economic Approach" in der europäischen Wettbewerbspolitik besteht gerade in der zunehmenden Einzelfallanalyse. Etablierte Regeln gelten dagegen als formalistisch und unökonomisch. Diesem Spannungsverhältnis widmet sich Ulrich Schwalbe und zeigt, dass es auch aus moderner Sicht gute Gründe für Hoppmanns Plädoyer für Regeln gibt.
In Deutschland hat Hoppmann mit seiner fundamentalen Kritik an der Praxis des Bundeskartellamts in den sechziger und siebziger Jahren einen gewissen Einfluss ausgeübt, der jedoch verglichen mit seinem Antagonisten Kantzenbach bescheiden ausfiel. Hoppmann erging es somit in gewisser Weise ähnlich wie Hayek und Schumpeter mit dem unaufhaltsamen Siegeszug von John Maynard Keynes in den dreißiger Jahren.
Aus dieser Parallele erwächst eine gewisse Hoffnung. Keynes' Stern begann bekanntlich in den siebziger Jahren zu sinken. Plötzlich standen die Theorien und Handlungsempfehlungen von Hayek und Schumpeter hoch im Kurs. Ihre Werke erfuhren auch in der Wissenschaft verstärkte Aufmerksamkeit. Es scheint somit sicher, dass auch die Positionen Hoppmanns wieder Konjunktur haben werden. Gleichwohl sollte mit der Lektüre des insgesamt sehr gelungenen Sammelbands nicht so lange gewartet werden.
ARNDT CHRISTIANSEN