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Vieles findet man bei Braun

29.08.2011 ·  Eine kunsthistorische Weihe für das Design von Apple

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Auf Designauktionen finden sich neben Stahlrohrfreischwingern, Memphis-Regalen und Bauhaus-Lampen inzwischen frühe Radioapparate, Plattenspieler und Fernsehgeräte. Was vor nicht allzu langer Zeit als Elektroschrott auf dem Müll landete, wird mittlerweile von Sammlern hochgeschätzt, neuerdings auch Computer, besonders die von Apple: Ende November 2010 zahlte ein Italiener in London bei Christie's 133 250 Pfund für "Apple 1" von 1976 - eines von 200 Exemplaren der Erstausgabe auf dem Markt.

Solches Interesse nobilitiert auch jüngere Apple-Produkte. Vom Ruch des nur profanen Gebrauchs befreien Publikationen wie das umfangreiche Buch "Apple -Design" zur Ausstellung "Stylectrical" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Im Mittelpunkt des Bandes, der mit gut 200 Apple-Beispielen auch ein Werkverzeichnis ist, steht Jonathan Ive. Als Design-Chef hat der Engländer seit 1997 die Gestaltung aller Produkte in dem kalifornischen Unternehmen verantwortet und sich mit seinem Team sämtliche iMacs, iPhones, iPods und iPads einfallen lassen - nicht als Elektroprodukte, sondern als Design-Innovationen. Denn wie Thomas Wagner in seinem Essay sagt: "Eine der besonderen Fähigkeiten von Apple besteht darin, das Potential vorhandener technischer Möglichkeiten zu erkennen, sie im richtigen Moment in einer für Nutzer optimierten Weise zusammenzuführen und dem Ganzen eine Gestalt zu geben."

Das Buch vergleicht die Ansätze zu diesen Entwürfen und erläutert Historisches zum Verständnis zeitgenössischen Industriedesigns. Dabei werden Formen, Funktionen und Produktion der präsentierten Produkte analysiert. Zur Sprache kommt - auch kritisch - die Nähe vom Apple-Design zu den formreduzierten Produkten der deutschen Erfolgsmarke Braun.

"Think different" - die gelungene Umsetzung des smarten Werbeslogans in das benutzerfreundliche, klare Äußere von Apple-Erzeugnissen und deren innovative Produktionswege und Materialien brachte viel Lob und beachtliche Verkaufserfolge. Die farbigen, lichtdurchlässigen Kunststoffe von iMac und iBook kamen später sogar bei Bügeleisen und Leuchten wie denen des Hamburger Lampendesigners Tobias Grau zur Anwendung, und das Weiß des iPod wurde Trend im Design. Jonathan Ive vereinte Form und Farbe, Material, Ästhetik und Bedienung in gut gelösten Details zu einem populären Dreiklang von Einfachheit, Reduktion und Funktionalität.

Böse Zungen behaupten indessen, viele der wiedererkennbaren, minimalistischen Apple-Produkte von heute sähen aus wie Braun-Erzeugnisse von gestern. Tatsächlich scheint der erfolgreiche Kronberger Radio-Hersteller, dessen gesamte Produktionspalette bereits 1961 im New Yorker Museum of Modern Art landete, ein Vorläufer von Apple: Augenfällig ist die Ähnlichkeit von Brauns Taschenradio T3 von 1958 mit dem Apple iPod und vom LE1 Braun-Lautsprecher von 1959 mit dem aktuellen iMac.

Dieter Rams, vier Jahrzehnte lang oberster Gestalter bei Braun und Erfinder des legendären Phono-Systems SK4, bekannt als "Schneewittchensarg", gilt denn auch als Großvater des Designs von Apple. Tatsächlich hat ihm Ive in einem Brief für gestalterische Anregungen gedankt und erzählt, wie er in den siebziger Jahren als kleiner Junge begeistert den Braunschen Küchenmixer seiner Mutter in Einzelteile zerlegte.

Rams fühlt sich durch Ives Entwürfe keineswegs bestohlen: "Apple wurde angeregt durch Braun wie viele andere auch", sagt er. "Für mich ist das ein Kompliment." An Geräten von Apple lobt der deutsche Gestalter vor allem die Gebrauchstauglichkeit durch kluge Produktgrafik, die dem Benutzer umständliches Lesen von Anleitungen erspart. Zu Rams' eigener Entwurfsphilosophie gehörten innovative Brauchbarkeit und Verständlichkeit, dazu Ästhetik, Ausgewogenheit, Ehrlichkeit, Konsequenz und Umweltfreundlichkeit, aber auch Unaufdringlichkeit. Denn: "Gutes Design ist so wenig Design wie möglich."

Minimalistisches Design als konsequentes Alleinstellungsmerkmal kann offenbar zu einsamen Höhen wirtschaftlichen Erfolgs führen: Seit neuestem gilt Apple als wertvollstes Unternehmen der Welt noch vor Exxon und als Weltmarke Nummer 1 im Design. Ob es allerdings gelingt, dieses Niveau zu halten und die eigene Kollektion immer wieder modisch für die Fan-Gemeinde aufzupeppen, muss die Zukunft zeigen. Kunsthistorische Weihe über Auktionshäuser und Museen macht Avantgarde alt.

ULLA FÖLSING.

Sabine Schulze / Ina Grätz (Hg.): Apple-Design.

HatjeCantz, Ostfildern 2011, 320 Seiten, 39,90 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2011, Nr. 200 / Seite 12
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