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Verdummte Verbraucher

29.10.2007 ·  Eine Philippika gegen die Lebensmittelindustrie

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Dieses Buch liest sich wie eine Verschwörungstheorie: überall Lug und Betrug in der Lebensmittelindustrie. Ist der Autor ein verhärmter Mensch oder ein Vegetarier, der jedem Kotelett misstraut? Thilo Bode ist kein Kostverächter, sondern ein Mann, der gelegentlich auch ein Wiener Schnitzel verdrücken kann. Doch es verschlägt ihm zu oft den Appetit, es empört ihn, was Industrie und Handel da so alles feilbieten. Wenn defekte Autos ausgeliefert werden, so schreibt er, gibt es eine Rückrufaktion. Doch bei Nahrungsmitteln? "Hier ist seit langem der Skandal nicht die Ausnahme, sondern der Normalfall." Die Verbraucher werden verdummt, getäuscht und betrogen.

Auch wenn dies eine süffig geschriebene Philippika ist - Bode wettert nicht nur, er argumentiert und analysiert auch. Man erfährt so einiges über die Usancen einer Branche. Der Autor hat den Furor des Verbraucheranwalts Ralph Nader, der so manchen amerikanischen Konzernchef zur Weißglut trieb. Er ist allerdings kein Jurist, sondern Volkswirt. Darum liefert er eine ökonomische Hypothese: Der Lebensmittelmarkt funktioniert nicht, weil es bei der Information eine Asymmetrie gibt. Verbraucher wissen zu wenig, weil die Hersteller ihnen zu vieles verschweigen, sie sind zudem recht- und machtlos, weil Staat und Behörden im Zweifel auf Seiten der Industrie sind. "Robben sind besser geschützt als Verbraucher."

Wie soll der Kunde, der ja essen muss und sich daher nicht den Luxus des Nichtkaufens leisten kann, aus der unverschuldeten Unmündigkeit herauskommen? Soll er eine Politik mit dem Einkaufswagen machen, nur bei den "Guten" kaufen, die den Zuckergehalt nicht verstecken und auch nicht "legale Gifte" verwenden? Das nützt nichts, behauptet Bode. Ein betrogener Verbraucher könne nichts ändern, weil die Spielregeln ihn benachteiligen. Etiketten informieren nicht, sondern verwirren, selbst bei der Bio-Nahrung, weil der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkommt, für gesunde und sichere Lebensmittel zu sorgen.

Nach dieser Diagnose kommt die Therapie, und die ist ebenso radikal. Sie lautet: Kunden sollten eine außerparlamentarische Gegenmacht bilden und dabei zivilen Ungehorsam entwickeln. Also etwa Supermärkte blockieren, die Früchte mit unzulässig hohen Pflanzenschutzmitteln anbieten, oder Fleischunternehmen, die Ware umetikettieren.

Es ist kein Zufall, dass Bode diese Form der Bewegung empfiehlt. Der Mann hat schließlich ausreichend Erfahrung darin. Zwölf Jahre (von 1989 bis 2001) war er bei Greenpeace, zuletzt als Chef der internationalen Organisation in Amsterdam. Bei seiner spektakulärsten Aktion wurde die Versenkung der Shell-Plattform "Brent Spar" in der Nordsee verhindert.

Im Jahre 2002, als in Europa die Rinderseuche BSE wütete, gründete Bode die Verbraucherorganisation "Foodwatch" in Berlin. Die hatte bisher allerdings Mühe, sich in der öffentlichen Wahrnehmung gegen die staatlich alimentierten Verbraucherzentralen durchzusetzen. Nun soll offenbar mit Aktionen das mediale Manko beseitigt werden. Manche werden im Alter ruhiger, doch Bode, der bald 61 wird, scheint unruhiger zu werden, erinnert sich wieder seiner Greenpeace-Wurzeln.

KONRAD MRUSEK

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2007, Nr. 251 / Seite 12
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