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Samstag, 18. Februar 2012
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Systemwettbewerb

20.06.2005 ·  Verschiedene Erkenntniswege ökonomischer Theorien

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Athanassios Pitsoulis: Entwicklungslinien ökonomischen Denkens über Systemwettbewerb. Metropolis-Verlag, Marburg 2004, 255 Seiten, 36,80 Euro.

Geläufig geworden ist der Begriff Systemwettbewerb nach dem zweiten Weltkrieg. Von damals bis 1992 konkurrierten zwei sehr unterschiedliche Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme gegeneinander: das unfreie sozialistische System unter sowjetischer Herrschaft auf der einen Seite und das freie demokratische System unter amerikanischer Führung auf der anderen. Dann brach das erste zusammen, und das zweite dehnte sich, unterschiedlich geprägt, auf fast alle Staaten aus. Seitdem konkurrieren die Staaten im wesentlichen mit dem Ordnen, Organisieren, Regeln einzelner Bereiche und Elemente - also damit, wie sie mit dem öffentlichen Haushalt (Steuer- und Ausgabenrecht) verfahren, wie mit den Märkten für Arbeit und Kapital, mit Bildung und Ausbildung, mit Wissenschaft und Forschung, mit Alters- und Krankheitsversorgung, mit Kunst und Kultur, mit ihrem Rechtswesen, wie auch mit ihrem mehr oder minder demokratisch verfaßten politischen System. Sie konkurrieren mit ihren Teilordnungen und folglich auch mit ihrer Ordnung, ihrem System insgesamt.

Für Ordoliberale ist dieser Systemwettbewerb als "Wettbewerb der Ordnungen" ein alter Hut. Gegeben hat es Systemwettbewerb schon immer, nur nannte man ihn nicht so. Systemwettbewerb ist Wettbewerb von Systemen untereinander, ein Wettbewerb von (staatlichen und privaten) Institutionen - Institutionen im Sinne von Regeln - und er ist ein Wettbewerb unter Gebietskörperschaften und Staaten mit ihren Systemen. Soweit der Ausgangspunkt des Buches. Aber bis zu einer allgemein akzeptierten Theorie des Systemwettbewerbs, konstatiert Athanassios Pitsoulis, sei es noch ein weiter Weg. Über vielerlei bestehe noch Unklarheit. Daher beschränkt er sich für sein Buch auf das Ziel, "die Erkenntniswege analytisch strukturiert aufzuzeigen" sowie bestehende Erklärungsdefizite und Schwerpunkte für die weitere Forschung zu benennen. Er trägt zusammen, vergleicht und stellt zur kritischen Diskussion.

Dem Leser werden Einsichten darüber geboten, welche Erkenntniswege ökonomische Theorien auf dem Weg zum jeweiligen Verständnis des Systemwettbewerbs beschritten haben, wie sich die Konzepte herausgebildet, welche Denkschulen das Thema Systemwettbewerb wirtschaftswissenschaftlich wie erörtert haben. Das reicht hinein bis in die Details, zum Beispiel auf welchen Prämissen die jeweiligen Hypothesen aufbauen, in welchem Maß sie übereinstimmen oder nicht, worin sich die Herangehensweisen unterscheiden und wie sich diese Unterschiede auf die Ergebnisse auswirken. Und schließlich geht es noch darum, welche Fragen des Phänomens Systemwettbewerb bislang noch unbeantwortet sind oder über welche Wirkungsprognosen man sich aus heutiger Sicht noch uneinig ist.

Der Autor zeichnet dabei zwei Entwicklungslinien nach: die neoklassische und die klassisch-evolutorische Linie. Eingegliedert in die erste befaßt er sich mit Ansätzen, die in der Tradition des Fiskalföderalismus lokaler Gemeinwesen stehen, mit solchen, die aus der Schweizer Theorie des Wettbewerbsföderalismus stammen, sowie mit solchen, die auf dem Standort- und Staatenwettbewerb der Kieler Schule und auf dem Systemwettbewerb aus Sicht der Neuen Institutionenökonomik aufbauen. Unter der Rubrik der zweiten Linie behandelt Pitsoulis die Österreichische Schule (Joseph Alois Schumpeter, Friedrich August von Hayek), den evolutorischem Liberalismus, die moderne Ordnungsökonomik und den Systemwettbewerb aus evolutorischer Sicht. So wird der alte Hut vom Wettbewerb der Ordnungen mit diesem Buch nicht nur gelüftet, sondern auch gut durchlüftet.

KLAUS PETER KRAUSE

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.06.2005, Nr. 140 / Seite 12
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