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Symbole der Unangreifbarkeit

07.12.2009 ·  Ein Fotoband über die Londoner City bei Nacht

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Viele tausend Menschen strömen täglich zur Arbeit in die City of London. Doch die nächtlichen Aufnahmen mächtiger Londoner Bankpaläste aus Glas, Stahl und Marmor des im Jahre 1967 geborenen Fotografen Andreas Schmidt scheinen davon nichts zu wissen. Die kühlen, hellen Hochglanzbilder kommen ohne Geschäftsleute, Besucher und Passanten aus. Auf diese Weise stellen sie die hektisch bewegte Welt im wichtigsten Finanzdistrikt des Globus seltsam still. Schmidts Motive bestechen durch atemberaubende visuelle Ästhetik. Mit verstörender Klarheit irritieren sie dabei durch die Maßlosigkeit der gezeigten Prachtbauten.

Endlose Stockwerke mit immer gleichen Fensterwaben sind zu sehen, glitzernde Fassaden, leere Flure, Säulenhallen und Laufbänder und immer wieder pompöse Lobbys und Konferenzsäle, die Machtanspruch und Status, aber auch Stillstand und Kälte spiegeln. Allenfalls Hinweisschilder auf Zimmernummern und Notausgänge und ab und an synthetisch wirkende Grünpflanzen erinnern daran, dass hier reales Arbeitsleben stattfindet. Roy Exley spricht im Begleittext zu Schmidts Fotoband von den durchgestylten Interieurs als "Nicht-Orten", die Menschen tagtäglich betreten und verlassen, ohne ein Teil von ihnen zu werden.

Die optische Arroganz der Londoner Bankenkolosse hat mit dem Sinn der pompösen Zweckbauten zu tun: Seit den viktorianischen Zeiten ging es Bankern in der City um die Demonstration von Macht. Ausdruck fand dieser Anspruch zunächst in imposanten Gebäuden im griechisch-römischen Stil, später, als die Lücken aus dem Zweiten Weltkrieg geschlossen wurden, in modernen Beton- und Glastempeln nach dem Muster der Skyline von Manhattan. Andreas Schmidts umfangreiche Bildfolge führt die dabei entstandenen extremen Gegensätze, aber auch die fortwährende Großmannssucht anschaulich vor Augen.

Bereits die altehrwürdige Bank of England, die auf dem Einband von Schmidts Fotoband zu sehen ist, schmückte sich mit klassizistischen Riesensäulen als Hoheitsinsignien. Die Bezüge zur griechisch-römischen Antike symbolisierten das Streben nach imperialem Ruhm durch die Macht des Geldes, zugleich aber auch Beständigkeit und Unangreifbarkeit. Tatsächlich galt die Fassade der Bank von Baumeister Sir John Soane aus dem Jahr 1828 als unüberwindbar für Unbefugte.

Knapp 200 Jahre später droht den Banken weniger die Invasion durch Eindringlinge von außen als ihr innerer Kollaps durch Bonuswettbewerbe der eigenen Leute. Zwar ist mittlerweile die Notbremse zu einer Finanzmarktregulierung gezogen. Künftig sollen die Gehälter von Bankmanagern beschränkt werden und schärfere Eigenkapital- und Liquiditätsvorschriften für Banken gelten. Die Superbauten der Bankpaläste auf Schmidts Fotos erlauben allerdings nicht die Aussicht, dass die Branche nunmehr der Ethik statt der Gewinnmaximierung den Vorzug geben wird.

Andreas Schmidts Bilder erzählen nachdrücklich, was Geld leisten kann. Doch die Bilder sagen ebenso deutlich, was Geld nicht vermag - einen Ort mit Seele zu füllen. Menschliche Eigenschaften wie Wärme, Offenheit, Solidarität und Empathie sucht man auf den zweifellos schönen, aber auch beunruhigenden Fotos vergebens.

ULLA FÖLSING

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.12.2009, Nr. 284 / Seite 12
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