Timo J. Hämäläinen: National Competitiveness and Economic Growth. The Changing Determinants of Economic Performance in the World Economy. Edward Elgar, Cheltenham 2003, 288 Seiten, 79,95 Pfund.
Das Auseinanderdriften der wirtschaftlichen Entwicklung in Ländern wie Japan oder Deutschland auf der einen Seite und den Vereinigten Staaten oder Finnland auf der anderen Seite rückt die Frage der globalen Wettbewerbsfähigkeit von Nationen ins Zentrum der wissenschaftlichen und politischen Diskussion. Traditionelle ökonomische Theorieansätze bieten allerdings nur wenige und kaum interessante Politikoptionen an, da sie die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit häufig nur auf einzelne Faktoren zurückführen. Paul Krugmann stellt in seinem berühmten Aufsatz "Competitiveness: Dangerous Obsession" die Anwendung des Konzepts der Wettbewerbsfähigkeit auf nationale Ökonomien sogar gänzlich in Frage.
Timo Hämäläinen vom Finnish National Fund for Research and Development verfolgt mit seinem Buch das Ziel, einen theoretischen Bezugsrahmen zur Analyse der nationalen Wettbewerbsfähigkeit zu entwickeln, der die Komplexität moderner Ökonomien widerspiegelt und somit auch bessere Grundlagen zur Beratung politischer Entscheidungsträger bietet. Ein solcher Ansatz muß nach Ansicht des Autors seiner Natur nach dynamisch und systemisch sein. Den theoretischen Ausführungen schließt sich im zweiten Teil des Buches ein empirischer Test an, der die Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit in 22 Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in den achtziger und neunziger Jahren in Beziehung zu ihren Rahmenbedingungen und den strukturellen Anpassungskapazitäten setzt.
Als entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit von Nationen stellt Hämäläinen die folgenden sieben Faktoren heraus: produktive Ressourcen, Technologie, Organisation, Produktmärkte, ausländische Wirtschaftsaktivitäten, Institutionen und Politik. Natürlich sind diese Faktoren in der Literatur schon vielfach abgehandelt worden, und auch der Gedanke der systemischen Wirkungsweise von Wettbewerbsfaktoren ist bereits vorgebracht worden. Hämäläinens Ausführungen hierzu sind jedoch insofern interessant, als sie auf einem umfangreichen Studium der neuen Literatur beruhen.
Die Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Nationen in den neunziger Jahren hängt nach Auffassung des Autors davon ab, inwieweit es ihnen gelungen ist, sich den Bedingungen des neuen "IT-Paradigmas" anzupassen. Gemeint sind damit die Entwicklung von spezialisiertem Wissen als neue produktive Ressource, der Einsatz flexibler Informationstechnologien, organisatorische Vernetzung, diversifizierte Qualitätsproduktion und eine globale Organisation betrieblicher Produktionsprozesse. Die Entfaltung des neuen Paradigmas aus dem Zeitalter der Informationstechnologie (IT) setzt aber auch einen fundamentalen institutionellen Wandel voraus. Hämäläinen hebt dabei vor allem die Notwendigkeit hervor, das Bildungssystem entsprechend neu auszurichten.
Das besondere Interesse des Autors gilt der Entwicklung eines neuen Politikansatzes. Der Staat kann sich nach seiner Auffassung nicht mehr darauf beschränken, den Markt funktionsfähig zu halten und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft durch die Korrektur von Marktfehlern zu verbessern. Er muß vielmehr bei der Entwicklung und Anpassung der oben genannten Wettbewerbsfaktoren eine aktive Rolle spielen. Allerdings bedarf es einer genauen Begründung staatlichen Handelns.
Damit verliere der Staat nicht notwendigerweise an Einfluß; vielmehr eröffneten sich in der Sicherung und Unterstützung der Leistungsfähigkeit und Problemlösungskapazitäten von Unternehmen, betrieblichen Netzwerken, Verbänden, Non-profit-Organisationen und Institutionen des öffentlichen Sektors neue Handlungsfelder. Allerdings, so gesteht der Autor zu, gebe es kein Patentrezept für die besten makro-organisatorischen Interventionsstrategien. Dementsprechend lasse sich die konkrete Ausarbeitung eines politischen Handlungsprogramms nicht als rationaler Entscheidungsprozeß begreifen. Vielmehr handele es sich um einen kontinuierlichen Lernprozeß, in dem Experimenten mit alternativen Lösungen ein breiter Raum eingeräumt werden müsse.
Mit seinem neuen Buch legt Hämäläinen eine umfassende Studie des sozioökonomischen Paradigmenwechsels und der damit verbundenen Probleme der Sicherung von Wettbewerbsfähigkeit vor, die in ihren wesentlichen Argumenten auch empirisch belegt wird. Aus der Sicht der Politik ist dabei die Botschaft von entscheidender Bedeutung, daß Nationen auch in einer globalen Wirtschaft genug Handlungsspielraum besitzen, um ihre Wettbewerbsposition zu stärken. Allerdings bedarf es eines integrativen Politikansatzes, der für kontinuierliche Lernprozesse offen ist. Finnland, die Heimat des Autors, bietet in diesem Zusammenhang hervorragendes Anschauungsmaterial.
GERD SCHIENSTOCK