Home
http://www.faz.net/-gr8-15nb4
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Rückkehr der Superfreaks

01.02.2010 ·  Anreize bestimmen das Leben

Artikel Lesermeinungen (0)

Mittlerweile hat es sich in Hollywood etabliert, auf einen Kassenerfolg einen zweiten Teil, ein "Sequel", folgen zu lassen - wenn ein Film erfolgreich war, warum ihn nicht ein zweites Mal ausschlachten? Und was Hollywood recht ist, ist einem der derzeit wohl glamourösesten Ökonomen nur billig.

Also hat Steven Levitt (Universität Chicago) seinem im Jahre 2005 erschienenen Verkaufsschlager "Freakonomics", der alleine in den Vereinigten Staaten rund 1,5 Millionen Exemplare verkaufte, einen zweiten Teil, die "Super Freakonomics", folgen lassen. Zusammen mit seinem bewährten Koautor Stephen Dubner (einem in New York lebenden Journalisten) lässt er es ordentlich krachen: Selbstmordattentäter sollten Lebensversicherungen kaufen, betrunken Auto fahren ist sicherer, als betrunken zu laufen, und wer die Umwelt retten will, isst Kängurufleisch statt Schnitzel.

Es ist eine gute Fortsetzung: Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite unterhaltsam und anregend, flott geschrieben, leicht lesbar und birgt etliche dieser Überraschungsmomente, für die das Publikum das erste Werk der Superfreaks so geliebt hat.

Dabei haben die Autoren, wie sie freimütig zugeben, kein gemeinsames Thema, außer der Idee, dass Menschen auf Anreize reagieren - was fraglos richtig ist. Daran, dass das Buch eine launige Zusammenstellung ökonomischer Schnurren ist, gibt es auch nichts auszusetzen. Allerdings schleicht sich bisweilen der Verdacht ein, dass Levitt und Dubner um des Überraschungsmoments willen gerne etwas über die Stränge schlagen.

Da wäre beispielsweise die Idee, dass es sicherer ist, betrunken Auto zu fahren, statt zu laufen: Pro gelaufener respektive gefahrener Meile zeige sich, dass betrunkene Fußgänger eine achtmal höhere Wahrscheinlichkeit haben, getötet zu werden. Das klingt überraschend, liegt quer zum herkömmlichen Denken und eignet sich damit bestens für einen dieser Momente des Staunens und Schmunzelns, welche die Freakonomen ihren Lesern servieren wollen.

Doch man erliegt zu leicht dem Charme und der Eloquenz, mit der diese Argumente vorgetragen werden: Die Zahlen zu den betrunkenen Fußgängern basieren zum großen Teil auf Annahmen; und man muss vermuten, dass in den Daten jede Menge Verzerrungen stecken: Sind die Fußgänger ähnlich betrunken wie die Autofahrer? Wo finden die Trunkenheitsfahrten statt - auf dem Land, in der Stadt?

Die Rechnung von Levitt und Dubner an dieser Stelle ist das, was man eine "Back-of-the-envelope-calculation" nennen könnte - schnell über den Daumen gerechnet. Sie kann allenfalls als ein Auftakt zu einer netten Diskussion, einer vertiefenden Analyse dienen (ganz abgesehen von dem Einwand, dass betrunkene Fußgänger selten andere Verkehrsteilnehmer töten).

Das räumen die Autoren auch ein, und so muss man viele der Ideen in diesem Buch verstehen: als Aufforderung zum Nachdenken, als Start für eine Debatte. Und das funktioniert: Glänzend beispielsweise die Ausführungen zur mittlerweile wirtschaftswissenschaftlichen folkloristischen Idee, dass Menschen sich uneigennütziger verhalten, als es die Idee des Homo oeconomicus vorsieht. Levitt und Dubner zeigen, dass ein Teil dieser Folklore offenbar darauf beruht, dass sich Menschen in Experimenten, unter Beobachtung, anders verhalten als in der Realität, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.

Wenn niemand hinguckt, lassen wir doch den Egoisten raus. Ebenfalls äußerst provozierend - und in Amerika bereits Gegenstand heftiger Debatten - ist das Kapitel um den Klimaschutz. Hier gab es viel Kritik; beispielsweise wegen der Frage, welche Farbe Solarzellen haben und welche Folgen diese Farbe für den Klimawandel hat.

Keine Frage - das Buch ist amüsant, unterhaltend und provozierend und dürfte Levitt und Dubner Lob und Kritik einhandeln. Lob dafür, dass sie die Ideen der Ökonomie kreativ anwenden und eingängig darstellen, Kritik dafür, dass sie sich auf allen Themengebieten einmischen und an der ein oder anderen Stelle bereit sind, für den Effekt wissenschaftliche Opfer zu bringen. Allerdings muss man ihnen zugutehalten, dass wissenschaftliche Artikel in Reinform ungefähr so sexy sind wie ein Zahnarzttermin.

Ohne ein Mindestmaß an Effekthascherei lässt sich die trostlose Wissenschaft nicht verkaufen. Insofern haben Levitt und Dubner ihre eigene Lektion gut verinnerlicht - der Erfolg des ersten Teils war ein zu großer Anreiz, einen zweiten Teil abzuliefern. Freakshow hin oder her - am Ende sind es Anreize, die auch ihr Handeln bestimmen. Aber solange sie damit ihren Lesern so viel Spaß machen, mag man ihnen das nachsehen.

HANNO BECK

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.02.2010, Nr. 26 / Seite 10
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen