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Rezension: Sachbuch Zum Scheitern verurteilt

 ·  Vernichtendes über die Industriepolitik

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Peter Oberender/Frank Daumann: Industriepolitik - ein Kurzlehrgang.Verlag Franz Vahlen, München 1995, 97 Seiten, 28 DM.

Obwohl sich die Industrienationen zum Leitbild der Marktwirtschaft bekennen, betreiben sie Industriepolitik. Und obwohl die Erfahrungen schlecht sind, ist Industriepolitik in der Diskussion und der politischen Umsetzung aktuell wie selten zuvor. Die Clinton-Administration hat Industriepolitik in den Vereinigten Staaten wieder salonfähig gemacht, der Vertrag von Maastricht legitimiert das industriepolitische Handeln der Europäischen Union, und in Japan ist Industriepolitik ohnehin nichts Neues. Was aber genau ist Industriepolitik? Läßt sie sich theoretisch fundieren? Diesen Fragen gehen Peter Oberender und Frank Daumann in ihrem Band "Industriepolitik - ein Kurzlehrgang" nach. Deutlich wird, daß Industriepolitik keineswegs ein neues Phänomen ist und daß eine einheitliche Definition nicht existiert. Im Gegensatz aber zur Ordnungspolitik, die lediglich einen Handlungsrahmen setzt, soll durch die Industriepolitik der Strukturwandel verhindert oder bewußt in eine Richtung gelenkt werden. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob der Staat die richtige Richtung kennt.

Es gibt viele verschiedene Konzeptionen von Industriepolitik, die die Autoren zeigen. Geschickt verstehen es Oberender und Daumann, unterschiedliche Ziele, Träger und Instrumente nicht allgemein, sondern direkt am Beispiel Frankreichs, der Vereinigten Staaten und Japans zu erläutern. Die Rechtfertigung für staatliche Eingriffe ist überall gleich: Weil die Handelspartner Industriepolitik betrieben, sinke die eigene Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb müßten eigene industriepolitische Maßnahmen ergriffen werden. Auch wenn die Autoren die industriepolitischen Intentionen der Vereinigten Staaten vielleicht etwas unterschätzen und die Rolle des Miti in Japan etwas überzeichnen - die Länder zeigen, daß es ein breites Spektrum von Industriepolitik gibt.

Das verdeutlicht auch die von Oberender und Daumann ausführlich dargestellte europäische Industriepolitik. Das Fazit der Autoren ist so schlicht wie vernichtend: Der falsche Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente hemmt unternehmerische Aktivitäten. Auch die Empirie habe gezeigt, daß Industriepolitik (gestaltend oder erhaltend) scheitern muß. Und eine Theorie, auf die sich die Politiker stützen könnten, existiere ohnehin nicht: "Die zur Fundierung einer Industriepolitik herangezogenen Ansätze weisen Schwächen auf, die ihr Aussagepotential für die wirtschaftspolitische Instrumentalisierung zur Gänze entwerten." Diese für die Europäische Industriepolitik gewonnenen Ergebnisse lassen sich, auch wenn die Verfasser dies nicht explizit ausführen, allgemein auf Industriepolitik übertragen.

Industriepolitik wird zwar in vielen Büchern angesprochen, ein entsprechendes deutschsprachiges Buch ist jedoch seit langem überfällig. Bisher haben Studenten wie andere Interessierte entweder auf die (vornehmlich englischsprachige) Literatur oder Fachzeitschriften zurückgreifen müssen. Allein dort ist bisher die Diskussion des Für und Wider von staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft geführt worden.

Daß die Autoren keine ausführlichere Abhandlung geschrieben haben, ist einerseits zu bedauern. Einiges Kritisches zur Industriepolitik bleibt so ungesagt. Andererseits schauen vielleicht so nicht nur Studenten, sondern auch Politiker in das Buch. Sie müßten dann erkennen, daß ihre Industriepolitik mehr schadet als nutzt. INDIRA GURBAXANI

(Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Universität Tübingen)

Industriepolitik - ein Kurzlehrgang

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.11.1995, Nr. 270 / Seite 16
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