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Regeln statt Einzelfallanalyse

01.03.2010 ·  Neues aus der Wettbewerbsökonomik

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Die Europäische Kommission verfolgt in der Wettbewerbspolitik seit mehreren Jahren einen sogenannten "More Economic Approach". Konzeptionell bedeutet das ein Abstellen auf Marktergebnisse. Zunehmend werden auch quantitative Analysen durchgeführt; im Ergebnis wird die Tiefe der Einzelfallanalyse erhöht. Oftmals wird dabei der Eindruck erweckt, dies sei die notwendige Folge der Ökonomisierung.

Thomas Heidrichs Buch legt die impliziten Grundannahmen des neuen Ansatzes der Kommission offen und macht sie einer kritischen Überprüfung zugänglich. Schon alleine deshalb ist seine Arbeit wichtig und lesenswert. So stellt er nachhaltig in Frage, ob die neoklassische Industrieökonomik die einzige mögliche theoretische Grundlage für Wettbewerbspolitik bietet. Ebenso zieht er die Notwendigkeit einer zunehmenden Einzelfallorientierung in Zweifel.

Heidrich geht indes noch weiter und entwickelt als grundsätzliche Alternative zur industrieökonomischen Fundierung von Wettbewerbspolitik das evolutorisch-systemtheoretische Paradigma. Hauptsächlich stützt er sich auf Friedrich von Hayek. Mit diesem versteht er Wettbewerb als Entdeckungsverfahren, dessen Ergebnisse nicht im Einzelfall vorauszusagen oder zu beurteilen sind. Als oberstes Ziel gilt der Schutz der Freiheit der Marktteilnehmer. Damit seien nur negativ formulierte allgemeine Regeln vereinbar, die bestimmte Verhaltensweisen verbieten. Weitere Ansätze etwa von Schumpeter, Kirzner und Hoppmann sowie aus der Evolutorischen Ökonomik ordnet er dem Paradigma zu. Die kenntnisreiche Darstellung und kritische Würdigung der genannten Ansätze macht den Großteil der Arbeit aus. Auch deshalb ist die Lektüre ein Gewinn.

Auf der Grundlage des evolutorisch-systemtheoretischen Paradigmas plädiert Heidrich für eine regelorientierte Wettbewerbspolitik. Das schließt etwa eine Effizienzabwägung im Einzelfall aus. Ebenso sei etwa Diebstahl generell verboten, ohne dass im Einzelfall nach den Wohlfahrtseffekten gefragt würde. Dennoch sind durchaus Konstellationen denkbar, in denen ein Dieb ein Gut kurzfristig effizienter einsetzen kann als der rechtmäßige Besitzer.

Insgesamt bietet die Arbeit eine Fülle wertvoller Einsichten und Denkanstöße. Sie regt zur grundsätzlichen Auseinandersetzung mit dem "More Economic Approach" an. Damit einher geht zwangsläufig ein hohes Abstraktionsniveau. Zur Lösung von praktischen Fragen der Kartellrechtsanwendung kann sie daher nicht direkt beitragen. Dies stellt einen gewissen Schwachpunkt der Arbeit dar, der jedoch den guten Gesamteindruck nicht übermäßig zu trüben vermag.

ARNDT CHRISTIANSEN

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.03.2010, Nr. 50 / Seite 10
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