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Donnerstag, 20. Juni 2013
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Realistischer Wissensbegriff

 ·  Manfred Streit deckt Schwächen der Wirtschaftstheorie auf

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An der Basis der modernen Volkswirtschaftslehre stehen einige Grundannahmen. Sie stellen scheinbar unumstrittene Prämissen über das individuelle ökonomische Verhalten dar. Eine von ihnen ist das Axiom, Wirtschaftssubjekte strebten danach, ihren Nutzen zu maximieren. Eine andere besagt, dass sie für ihre Entscheidungen verfügbares Wissen perfekt rational verwerten. Der liberale Ökonom Friedrich August von Hayek hat das einst als die "Gestalt eines quasi allwissenden Einzelmenschen" kritisiert. In der Folge beschäftigte er sich mit den Bedingungen des Wissenserwerbs und der Vermittlung von Wissen.

Auf seine Spur hat sich spätestens seit einem dreijährigen Aufenthalt an Hayeks Freiburger Wirkungsstätte der Institutionenökonomiker Manfred Streit begeben. In dem Band "Wissen, Wettbewerb und Wirtschaftsordnung" legt der Gründer des Jenaer Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Wirtschaftssystemen seine Erkenntnisse zu diesem Thema, die er in zwei Jahrzehnten gesammelt hat, gebündelt vor. Wie für Hayek ist die Kritik am neoklassischen Modell des Wissens sein Ausgangspunkt: Er bedient sich der Kantschen Erkenntnistheorie, um zu erklären, dass jedes Wissen auf subjektiver Wahrnehmung beruhe. Eine objektive Zweckrationalität, wie von der Ökonomik postuliert, könne es deshalb nicht geben.

Verschiedene neoklassische Ökonomen haben sich mit den Transaktionskosten des Wissenserwerbs auseinandergesetzt. Wenige haben daraus wie Streit den Schluss gezogen, dass dieser Aufwand nicht optimiert werden kann, weil der Wert des Wissens vor Beginn der Suche noch unbekannt war. Deshalb könne nicht gefolgert werden, wie arbeitsteilig Wirtschaftende durch ungeplante Interaktion zu einer Gleichgewichtslösung kommen. Dieser Gedanke entziehe der mikroökonomischen Analyse ihren Boden, meint der Autor.

Streits Argumentation muss mit den üblichen Problemen interdisziplinärer Forschungsansätze leben: Weil er die Erkenntnisse anderer Fachrichtungen nicht hemmungslos vereinfachen will, muss er sehr viel Wissen beim Leser voraussetzen, um zu seinen Schlussfolgerungen zu gelangen. So streift er neben der Erkenntnistheorie auch die Kognitionswissenschaften und eher unbewusst die linguistische Theorie des Amerikaners Noam Chomsky. Seine Ableitungen sind aber für den ökonomischen Diskurs durchaus nützlich. So ist es zu begrüßen, dass sich Streit auf Sprache und Denken fremder Disziplinen einlässt.

Darüber hinaus ist der Band ein weiterer Beleg dafür, wie tief sein Vorbild Hayek die ökonomische Theorie durchdrungen hatte und sie innerhalb der Gesellschaftswissenschaften verorten konnte. Die Kritik am neoklassischen Wissensbegriff führt keineswegs dazu, den Markt als Koordinationsmechanismus in Frage zu stellen. Er erweise sich vielmehr gerade deshalb gegenüber einer Planbehörde als überlegen, weil diese überfordert wäre, das gesamte relevante Wissen für Allokationsentscheidungen überhaupt zu verarbeiten, das im Markt unkoordiniert über Preissignale weitergegeben wird.

PHILIPP KROHN

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.05.2009, Nr. 102 / Seite 12
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