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Nachhaltigkeit oder Wohlstand

 ·  Wilfred Beckerman kontert apokalyptische Visionen mit Empirie

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Wilfred Beckerman: A Poverty of Reason. Sustainable Development and Economic Growth. The Independent Institute, Oakland 2002, 130 Seiten, 17,95 Dollar.

Gehen uns die Rohstoffe aus? Kann genug Nahrung für eine wachsende Weltbevölkerung produziert werden? Werden Umweltkatastrophen die Erde unbewohnbar machen? Beängstigende Antworten auf diese und verwandte Fragen bestimmen das Weltbild vieler Menschen und werden oft zur Grundlage politischer Entscheidungen gemacht. Schon deshalb ist es verdienstvoll, daß Wilfred Beckerman den verbreiteten apokalyptischen Zukunftsvorstellungen empirische Daten und Zusammenhänge gegenüberstellt, die sie zumindest erschüttern können. Der Emeritus Fellow am Balliol College der Universität Oxford verwendet dabei weitgehend bekanntes Material, das er in gleichzeitig komprimierter und anschaulicher Form darstellt.

Wichtiger als die Gegenüberstellung von Fakten ist ihm allerdings die Auseinandersetzung mit den Argumentations- und Handlungsmustern, die auf der Grundlage der angenommenen Entwicklungen stehen. Das erscheint schon deshalb angebracht, weil viele düstere Prognosen im Bereich der natürlichen Lebensgrundlagen jedem empirischen Nachweis ihrer Falschheit trotzen und dennoch weiter wirksam bleiben.

Der Autor zeigt, daß selbst dann, wenn tatsächlich akute Mangelerscheinungen an bestimmten Ressourcen gegeben sein sollten, die Wege der Politik zu ihrer Behebung falsch sind. In seinem Buch liefert er ein Plädoyer für marktwirtschaftliche Lösungen, die über Marktpreise ihre Wirkung entfalten.

Auch Beckerman hat Befürchtungen für die Zukunft. Bürokratische und protektionistische Lösungen unter dem Banner der Nachhaltigkeit können dazu führen, daß individuelle Freiheit und Demokratie immer weiter eingeschränkt werden. Sie sind aber mehr als jeder Rohstoff die Basis dafür, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern.

Besonders hart geht der Autor mit Anschauungen ins Gericht, deren Verfechter die heute Lebenden verpflichten wollen, auf Wachstum und Wohlstand zu verzichten, um die Rechte künftiger Generationen zu schützen. Von Generation zu Generation ist bis jetzt das Lebensniveau der Menschen gestiegen - und aller Voraussicht nach wird das auch so bleiben. Deshalb sollten die Sorgen um diejenigen, die heute noch unter schlechten Bedingungen leben, zumindest den gleichen Rang einnehmen wie die Ansprüche, die im Rahmen des Konzeptes der sogenannten Generationengerechtigkeit formuliert werden.

Dabei wird nicht gefordert, daß die Interessen derjenigen, die in Zukunft die Erde bevölkern werden, außer acht gelassen werden. Sie müssen vielmehr Bestandteil jeder vernünftigen Abwägung individuellen und gemeinschaftlichen Handelns sein. Doch Wohlstandsgewinne heute gehen nach Beckerman gerade nicht "auf Kosten zukünftiger Generationen", sondern ermöglichen uns, eine stabile und lebenswerte Welt zu hinterlassen.

Wer schon immer mißtrauisch war gegenüber den allzu einfachen Welterklärungen und Rezepten vieler Verfechter von Nachhaltigkeit oder "sustainable development", der findet bei Wilfred Beckerman viele neue Denkanstöße. Umgekehrt finden diejenigen, die ihr Handeln auf die hier kritisierten Voraussagen und ethischen Grundlagen stellen, einen Anreiz zur Schärfung der eigenen Argumente.

Möglichkeiten zum Widerspruch eröffnen sich dabei immer noch in ausreichenden Maße, weil das knapp gehaltene Buch vieles nur streifen kann und an vielen Stellen fast aphoristischen Charakter hat. In einer Zeit der sich in zahllosen Details verlierenden Studien und Gutachten ist das allerdings eher eine Stärke als eine Schwäche.

SASCHA TAMM

Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung, Potsdam

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.06.2003, Nr. 137 / Seite 12
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