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Maastricht und kein Ende

 ·  Ein Tagungsband wirft alte und dennoch aktuelle Fragen auf

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Joachim Ahrens/Renate Ohr (Herausgeber): Zehn Jahre Vertrag von Maastricht. Verlag Duncker & Humblot, Berlin 2003, 167 Seiten, 48 Euro.

Ist der Maastricht-Vertrag von 1992 heute noch der Erinnerung wert? Der jüngst vorgestellte Entwurf einer europäischen Verfassung scheint ihn obsolet gemacht zu haben, und sein wichtigster Bestandteil, die Währungsunion, ist längst Realität. Daß Ökonomen dennoch an "Maastricht" erinnern, liegt freilich nahe: Der Vertrag 1992 löste gerade in Deutschland eine heftige Diskussion unter Volkswirten aus. Die meisten hielten wenig von der schnellen Einführung einer Gemeinschaftswährung, manche von ihnen gingen auf die Barrikaden, verfaßten Streitschriften und sammelten Unterschriften gegen die Währungsunion.

Renate Ohr, damals eine der Frontfrauen und heute Volkswirtschaftsprofessorin in Göttingen, hat zum zehnten Jahrestag des Maastricht-Vertrages ein Symposion veranstaltet, dessen Ergebnisse nun in einem Tagungsband vorliegen. Viele der damaligen Kombattanten sind versammelt - auf der Seite der Gegner der Währungsunion neben Ohr etwa Joachim Starbatty (Tübingen) und Roland Vaubel (Mannheim), auf der Seite der (auch damals nicht zahlreichen) Befürworter Peter Bofinger (Würzburg) und Alfred Steinherr (Luxemburg).

Wer den neuerlichen Austausch altbekannter Argumente befürchtet, wird angenehm überrascht - nicht nur weil der teilweise polemische Ton, der die Diskussion seinerzeit beherrschte, gewichen ist. Der Band zeigt, daß viele der vor zehn Jahren gestellten Fragen unverändert aktuell sind und daß mancher Sprengstoff, den die Währungsunion bei ihrer Einführung barg, noch nicht entschärft ist. So urteilt Joachim Ahrens, einige der damals vorgebrachten Argumente gegen eine zu rasche, politisch motivierte Einführung der Gemeinschaftswährung seien nur schwer zu entkräften gewesen. Dazu zähle vor allem der Befund der mangelnden realwirtschaftlichen Konvergenz der künftigen Euro-Staaten. Joachim Starbatty weist auf die wohl zentrale Schwierigkeit in der Währungsunion hin, die mit der Diskussion um eine "flexible" Ausgestaltung der Maastricht-Kriterien neues Gewicht bekommt: Zwar sei das Euro-Projekt politisch motiviert und begründet gewesen - die Absicht zur politischen Union habe aber keiner der beteiligten Nationalstaaten verfolgt. Er bringt das auf die zugespitzte Formel, daß "die Abschaffung der D-Mark noch keine Bereitschaft zur politischen Union" sei. Die Euro-Staaten hätten höchst unterschiedliche Vorstellungen über den Fortgang der Integration - gemeinsam sei ihnen nur, daß sie vor allem ihre nationalen Interessen im Blick hätten. Einer gemeinsamen europäischen Geldpolitik stünden nunmehr die Wirtschafts- und Finanzpolitiken der Nationalstaaten gegenüber. Die laxe Behandlung der Stabilitätskriterien zeige, daß deren Interessen mit dem Gemeinschaftsinteresse - einer stabilen Währung - nicht in Einklang zu bringen seien. Die notwendige, aber nicht erfolgte "politische Fundamentierung der Währungsunion" werde mit der Ost-Erweiterung noch schwieriger werden.

Paul Welfens, der den Start des Euro "im wesentlichen geglückt" nennt, hält für den weiteren Erfolg der Währungsunion für entscheidend, daß Länder wie Deutschland ihre strukturelle Wachstumsschwäche zu bekämpfen versuchen. Hierzulande fehle freilich "Problembewußtsein in der Wirtschaftspolitik". Die meisten Argumente der Beiträge sind nicht neu. Gelungen ist der Band dennoch: Er bildet nicht nur die ökonomische Debatte um aktuelle Probleme der Währungsunion ab, sondern liefert zugleich einen analytischen Rahmen für die weitere - politische wie monetäre - Integration, die sich in ihren Grundlinien abzuzeichnen beginnt.

WERNER MUSSLER

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2003, Nr. 190 / Seite 10
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