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Kratzer an Ikeas Fassade

23.08.2010 ·  Ein früherer Manager lässt sich über den Möbelkonzern aus

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Ikea ist in Schweden mehr als ein Unternehmen, Ingvar Kamprad mehr als ein Gründer. Wie Kamprad, inzwischen 84 Jahre alt und immer noch der entscheidende Mann im Konzern, als Jugendlicher vom elterlichen Bauernhof aus die ersten Schritte im Versandhandel unternahm und daraus die größte Möbelkette der Welt gemacht hat, gehört zwischen Malmö und Kiruna zur Allgemeinbildung. Der Konzern hat nicht nur die blau-gelben Landesfarben und Nationalgerichte wie Fleischbällchen und Mandelkuchen in aller Welt bekannt gemacht. Er ist, da frühere Aushängeschilder wie Volvo und Saab sich nicht mehr in einheimischem Besitz befinden, der beste Beweis dafür, dass aus Schweden außer Popbands und Krimiautoren auch wirtschaftliche Erfolge kommen.

So viel Lob und Bewunderung Kamprad und Ikea deshalb auf sich ziehen, so viel Neid erwecken sie auch. Genau dieser Zwiespalt spricht aus dem Buch, das Johan Stenebo, von 1996 bis 1999 Ingvar Kamprads persönlicher Assistent, nach 20 Berufsjahren bei Ikea geschrieben hat. Die schwedische Ausgabe ziert ein Porträt des Autors in Agentenoptik mit Sonnenbrille, ein Enthüllungsbuch soll "Die Wahrheit über Ikea" sein. Das Versprechen hält es nicht.

Immerhin vermittelt die Lektüre aber in vielen Anekdoten und Augenzeugenberichten einen lebhaften Eindruck vom Innenleben des Konzerns - auch wenn die genüssliche Ausbreitung von Missgeschicken und Fehlentscheidungen des Managements den schalen Beigeschmack der Besserwisserei hinterlässt. Entscheidende Neuigkeiten über die Geschäftspraktiken oder gar brisante dunkle Machenschaften aber verrät Stenebos Schilderung nicht.

Der Autor räumt dies sogar ein, indem er auf eigene Absprachen mit seinem früheren Arbeitgeber sowie auf Zeitungsberichte und Fernsehdokumentationen verweist, die er nun nacherzählt: Die fahrlässige Inkaufnahme von Kinderarbeit etwa hat einst das schwedische Fernsehen Ikea nachgewiesen. Auch das Geflecht von Firmen und Stiftungen in Schweden, den Niederlanden und der Karibik, das Ingvar Kamprad und sein Hausjurist zum Steuersparen und zur Verschleierung der Macht- und Vermögensverhältnisse gewoben haben, wurde schon vorher beschrieben.

Stenebo würzt seine Darstellung mit einer scharfen moralischen Anklage. Seine Kritik richtet sich dabei nicht so sehr gegen die von Ikea inzwischen selbst bedauerten und nach eigener Auskunft abgestellten Praktiken wie den Einkauf von bei lebendigem Leib gerupften Daunen, sondern gegen ein von ihm vermutetes Prinzip der Scheinheiligkeit. Kamprad bezeichne niedrige Möbelpreise zwar gerne als Dienst an der Menschheit. Ihm gehe es aber nur ums Geld. Ikea werbe zwar mit einer offenen Unternehmenskultur und gebe sich seinen Kunden gegenüber freundschaftlich-lässig, sei aber von autoritären Hierarchien geprägt. Der Konzern unterstütze zwar Greenpeace, Unicef und den WWF, aber nur mit Kleckerbeträgen und um der Wirkung in der Öffentlichkeit willen.

Die Vorwürfe sind naiv: Wie viele Unternehmen mit mehr als 100 000 Mitarbeitern, aber ohne Hierarchie und Bürokratie gibt es? Und wie viele Unternehmer ohne Interesse an privatem Vermögen? Und seit wann gilt die Regel "Tu Gutes und sprich darüber" nicht mehr? Die spannendsten Abschnitte des Buchs sind jene, die sich Kamprads Führungsstil und den Defiziten seiner drei Söhne widmen. Als "Kremlologie" bezeichnet Stenebo die Herrschaft des Patriarchen, die auf vorauseilendem Gehorsam und eifriger Auslegung seiner Worte beruhe und sich aus tief verwurzeltem Misstrauen speise. Introvertiert sei der Jüngste von ihnen, schreibt Stenebo, dem Alkohol zugetan der Mittlere, detailversessen und anmaßend der Älteste - Jonas, Mathias und Peter haben seiner Ansicht nach nicht das Zeug zur Konzernführung. Ikeas positives Image wird Stenebos Buch kaum beschädigen. Doch die Erbfolge könnte die Erfolgsgeschichte aus Småland demnächst in Frage stellen.

SEBASTIAN BALZTER

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.08.2010, Nr. 194 / Seite 10
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