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Keynes und Hayek

06.04.2010 ·  Roger Farmer will die Theorie für morgen entwerfen

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Die im Zuge der Finanzkrise wieder aufgekommene Frage "Keynes oder Hayek?" stellt sich höchstens für Leute von vorgestern. Für moderne Menschen heißt es: "Keynes und Hayek". So lautet die zentrale These des angesehenen Ökonomen Roger E. Farmer (University of California Los Angeles), der sie gleich in zwei Büchern präsentiert. Das vorliegende Werk mit dem ehrgeizigen Titel "How the Economy Works" richtet sich an den interessierten Laien, auch wenn ökonomische Grundkenntnisse die Lektüre erleichtern. Der zweite Band "Expectation, Employment and Prices" stellt höhere Anforderungen und wendet sich an das Fachpublikum.

Farmers Buch "How the Economy Works" besteht aus zwei Teilen. Am Anfang steht ein Abriss der ökonomischen Dogmengeschichte seit Adam Smith, der mit mehreren Kurzporträts bedeutender Denker angereichert wurde. Besonders gelungen ist die kurze, aber präzise Beschreibung der theoretischen Entwicklungen der vergangenen 35 Jahre. An ihn schließt sich des Verfassers eigene Analyse der jüngsten Finanzkrise sowie ein Vorschlag an, wie künftig schwere Krisen verhindert werden können.

Die wichtigste Botschaft Farmers lautet, dass es heutzutage keinen Sinn mehr hat, in der alten Zweiteilung der ökonomischen Gedankenwelt mit Liberalen (unter denen Friedrich von Hayek einer der bedeutendsten war) einerseits sowie John Maynard Keynes andererseits zu verharren. So denken zwar wohl längst die meisten Ökonomen, aber während der Krise tauchten die alten Feindmuster mit dem Keynesianer Paul Krugman einerseits und den liberalen Chicago-Ökonomen andererseits wieder auf.

Farmer entnimmt der liberalen Schule die These von der grundsätzlichen Überlegenheit der Marktwirtschaft sowie die Forderung nach einer überzeugenden einzelwirtschaftlichen Theorie. Auch ihre modernen Vertreter wie Friedman, Lucas und Prescott bleiben wichtig: "Ich glaube nicht, dass wir den Fortschritt der vergangenen 35 Jahre wegwerfen sollten." Damit aber ist die Geschichte nicht zu Ende: Denn Farmer gibt der Ansicht von Keynes recht, dass menschliches Verhalten zu tiefen und langwierigen Krisen führen kann und dass der Staat hilfreich einzugreifen vermag.

Ebenso unterstützt er eine weitere Grundthese des Briten, wonach die Höhe der Beschäftigung von der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage abhängt, und diese wird wesentlich durch die Erwartungen von Unternehmen und Konsumenten beeinflusst. Farmer zeigt zudem, wie sich diese Annahme mit der modernen Vorstellung rationalen Verhaltens von Marktteilnehmern vereinbaren lässt. Die alternative Vorstellung, wonach die Beschäftigung um eine durch Marktunvollkommenheiten bedingte "natürliche Rate der Arbeitslosigkeit" fluktuiert, lehnt Farmer als empirisch nicht überzeugend ab.

Der Verfasser betont die erhebliche Bedeutung von Keynes, aber er betrachtet sich nicht als "Keynesianer" im Sinne Krugmans. Denn Farmer sieht in der herkömmlichen Theorie der Keynesianer einen verhängnisvollen Fehler. Nach ihrer Ansicht hängen die Konsumausgaben vor allem vom Einkommen ab. Daraus lässt sich die traditionelle keynesianische Forderung nach expansiver Finanzpolitik in einer Krise ableiten. Die durch diese Politik geschaffenen zusätzlichen Einkommen führen zu mehr Konsum und damit zu einer Erholung der Wirtschaft.

Farmer hält diese Analyse für falsch. Er vertritt die Meinung, dass die Konsumausgaben der Menschen nicht von ihren Einkommen, sondern von ihren Vermögen abhängen. Dann aber, und hier zieht er ein von Liberalen vertretenes Argument zu Rate, wird expansive Finanzpolitik fragwürdig. Denn da die Menschen erkennen, dass die zur Finanzierung von Ausgaben begebenen Staatsanleihen künftige Steuererhöhungen zur Folge haben werden, betrachten sie Staatspapiere nicht als Nettovermögen.

Nachdem Farmer die Stärken und Schwächen der beiden Ansätze beleuchtet hat, unternimmt er einen Versuch, sie zu verbinden. Da, vereinfacht ausgedrückt, die Wirtschaftsentwicklung wesentlich von Annahmen der Menschen über die Entwicklung ihres Vermögens abhängt, muss die Politik verhindern, dass die Vermögensbewertungen einbrechen und Pessimismus der Vermögensbesitzer die Folge ist. Konkret schlägt Farmer vor, die Zentralbanken sollten die Kursentwicklung an den Aktienmärkten stabilisieren, indem sie zwar nicht in Einzelwerte, aber in einen neugeschaffenen Indexfonds investieren.

Das klingt zunächst phantastisch. Andererseits bemühen sich die Zentralbanken in dieser Krise offensichtlich, die Werte zumindest von Staatsanleihen (was Farmer als zweitbeste Lösung ansieht) attraktiv zu halten. Nebenbei: Die Forderung, Geldpolitik solle auch an Aktienmärkten stattfinden, wurde schon vor Jahrzehnten von dem verstorbenen Frankfurter Ökonomen Wolfram Engels formuliert.

GERALD BRAUNBERGER

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.04.2010, Nr. 79 / Seite 12
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