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Gewalt und Unsicherheit

 ·  Der Weltentwicklungsbericht zeichnet ein düsteres Bild

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Wie früher schon Paul Colliers Buch "The Bottom Billion" analysiert der vorliegende Weltentwicklungsbericht (WDR) der Weltbank die Verfestigung von Armut und Unterentwicklung durch Konflikt und Gewalt. Der Weltentwicklungsbericht gehört zu den regelmäßigen jährlichen Veröffentlichungen der Weltbank. Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Es beginnt mit einem langen Überblick, einem aus zwei Kapiteln bestehenden Teil "Die Herausforderung", einem aus fünf Kapiteln bestehenden Teil "Die Lektionen" und einem aus zwei Kapiteln bestehenden Teil "Praktische Optionen". Außerdem gibt es einen Anhang mit Daten über Armut, Entwicklung und internationale Verflechtung sowie eine lange Bibliographie.

Der erste Teil mit der Analyse der Problemlage ist dabei deutlich klarer und informationsreicher als die folgenden Teile des Berichts. Zunächst einmal stellt der WDR einen erfreulichen Rückgang der Häufigkeit zwischenstaatlicher Kriege in den letzten Jahrzehnten fest, in allerletzter Zeit auch von Bürgerkriegen, Opfern krimineller Gewalt und Staatsstreichen. Dennoch leben immer noch eineinhalb Milliarden Menschen in Gesellschaften, die durch fragile Staaten, Konflikte oder organisierte Bandenkriminalität charakterisiert sind.

Konflikt und Gewalt konzentrieren sich dabei zunehmend auf Staaten, die früher schon darunter gelitten haben. Vertreibung - im Jahre 2009 waren von ihr 42 Millionen Menschen betroffen -, Gefangenschaft, Folter, Hunger und Armut sind die typischen Begleiterscheinungen von Konflikt und Gewalt in fragilen Staaten. Über Flüchtlingsströme, Bandenkriminalität, die Verbreitung von Seuchen und Grenzkonflikte destabilisieren fragile Staaten auch ihre Nachbarschaft. Armut und Unterentwicklung sind in einem Teufelskreis mit fragilen Staaten, schwachen Institutionen und Gewaltanfälligkeit verbunden.

Bei der Ursachenanalyse werden von den Autoren des Berichts ökonometrische Studien und dazugehörige Theorien diskutiert, allerdings ohne Gewichtszuweisung für die Determinanten der Gewaltanfälligkeit. Einleuchtend ist der durch Umfragedaten gestützte Hinweis, dass Arbeitslosigkeit und Untätigkeit wesentliche Gründe dafür liefern, sich Rebellen oder kriminellen Banden anzuschließen.

Im zweiten Teil der "Lektionen" wird darauf verwiesen, dass fragile Staaten nicht innerhalb von wenigen Jahren stabilisiert werden können. Eine solche Stabilisierung dauert mindestens eine Generation. Auch bleibt zu bedenken, dass Reformen einschließlich demokratischer Reformen leicht zu einem vorübergehenden Ansteigen von krimineller oder politischer Gewalt führen können. Vor übertriebenen Erwartungen und Wunschdenken wird daher gewarnt.

Bei den ersten Schritten kommt es nach der Autoren des Berichts auf die Einbeziehung der Akteure an, die Reformen sabotieren könnten, und auf einige Erfolge, um Vertrauen aufzubauen. Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und im informellen Sektor der Wirtschaft sind wichtig, um die Anreize zur Rebellion oder Bandenkriminalität zu schwächen. Der Bericht bedauert (im sechsten Kapitel), dass externe Entwicklungshilfe eher nach dem Ausbruch von Konflikt und Gewalt als präventiv gewährt wird, dass fragile und gewaltanfällige Staaten in besonderer Weise an unvorhersehbarer beziehungsweise volatiler Entwicklungshilfe leiden, dass eine Vielzahl von Helfern und oft kleinen Projekten die Verwaltungskapazitäten vieler Empfängerländer überfordert.

Illegaler Handel, wobei der Drogenhandel wegen seiner Umsätze und Profitabilität dominiert, trägt wesentlich zur Destabilisierung mancher Staaten und zur Finanzierung mancher Rebellionen bei. Interessant ist, dass bei der Abwägung der Argumente zur Legalisierung von Drogen durch Experten Einigkeit über die negativen Effekte der westlichen Drogenpolitik auf die armen und fragilen Produktionsländer herrscht. Denen würde die Legalisierung des Drogenhandels (nach den im Entwicklungsbericht wiedergegebenen Auffassungen) helfen.

Der dritte Teil "Praktische Optionen" wiederholt viele schon im zweiten Teil vorgebrachte Gedanken - wie Warnungen vor übertriebenen Erwartungen und die Notwendigkeit einiger schneller Erfolge. Auch die Notwendigkeit der Anpassung an lokale Gegebenheiten wird immer wieder betont. Dass der Bericht kein "Kochbuch" zur Problembehandlung sein kann und will, kann man entweder als Zeichen der intellektuellen Redlichkeit des Autorenteams interpretieren oder als Eingeständnis theoretischer Defizite (oder beides). Je höher das Theoriebedürfnis des Lesers, desto größer wird sein Unbehagen sein. Trotz solcher Defizite: Vernünftig sind die vorgetragenen Überlegungen schon.

Der Weltentwicklungsbericht wird traditionell in Buchform veröffentlicht. Er ist mittlerweile aber auch als Datei auf den Internetseiten der Weltbank (www.worldbank.org) erhältlich.

ERICH WEEDE.

World Bank: World Development Report 2011.

World Bank, Washington 2011, 384 Seiten, 18,99 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2011, Nr. 182 / Seite 10
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