08.02.2010 · Zwei Interviewbände präsentieren Größen des Fachs
Vor einem Vierteljahrhundert sorgte der niederländische Ökonom Arjo Klamer für einen Paukenschlag. Er veröffentlichte "Conversations with Economists", einen Band mit Interviews führender Makroökonomen. Für jeden, der sich mit den erbitterten makroökonomischen Debatten der frühen achtziger Jahre beschäftigte, war dieses Buch eine Offenbarung. Spätestens seitdem gelten Bücher mit Ökonomeninterviews als salonfähig. Kürzlich sind zwei weitere Interviewbände erschienen. Ihre Lektüre lohnt, auch wenn sie sich in ihrer Herangehensweise unterscheiden.
Karen Horn, die Leiterin des Berliner Büros des Instituts der deutschen Wirtschaft, hat ihre Gespräche mit zehn Nobelpreisträgern unter das Grundthema gestellt: Wie entsteht wissenschaftlicher Fortschritt, und wie breitet er sich aus? Ihre Gespräche liefern somit weniger eine umfangreiche Werkschau, sondern widmen sich eher der Herkunft der Laureaten, ihrem Charakter und den Wegen, die sie zur Wirtschaftswissenschaft geführt haben.
Die Wahl der Gesprächspartner kann als eine glückliche bezeichnet werden, da sie sehr unterschiedliche Männer getroffen hat, die sich überwiegend sehr mitteilsam präsentierten. Dass es sich in der großen Mehrzahl um Amerikaner handelt, liegt in der Natur der Sache: Die überwiegende Zahl der Träger des Nobel-Gedächtnispreises für Ökonomie stammt aus den Vereinigten Staaten. Im Einzelnen enthält der Band Gespräche mit Paul Samuelson, Kenneth Arrow, James Buchanan, Robert Solow, Gary Becker, Douglass North, Reinhard Selten, George Akerlof, Vernon Smith und Edmund Phelps.
Den typischen Weg zur Erlangung neuen Wissens und zu seiner Verbreitung, der den Ökonomen bis zum Nobelpreis führt, gibt es nicht, wie die Autorin in ihrer umfangreichen Analyse der Gespräche feststellt. Die Lebenswege der großen Meister des Faches sind sehr unterschiedlich verlaufen. Und dennoch lassen sich gewisse Parallelen erkennen, worauf Henrik P. van Dalen hinweist: "Der durchschnittliche Nobelpreisgewinner ist mit folgenden Eigenschaften gesegnet: Talent, dem Geist eines Unabhängigen oder eines Außenseiters, einer Liebe für riskante Projekte, dem Gespür, um sich zur rechten Zeit am rechten Ort zu befinden, der Gabe, fundamentale Probleme zu sehen, und nicht zuletzt Glück."
Wesentlich ist auch noch eine andere Erkenntnis: "Ökonomie ist ein Betätigungsfeld für junge Leute." Der Fortschritt kommt von Wissenschaftlern, die jünger als 30 Jahre sind, und nicht mehr durch die Altmeister. Dafür stehen die Jungen - häufig ohne es zu wissen - auf den Schultern der Altmeister.
"Große Ökonomen im persönlichen Gespräch" heißt die deutsche Ausgabe einer vor wenigen Jahren in Amerika erschienenen und von Paul Samuelson und William Barnett herausgegebenen Sammlung von Gesprächen, die zum Teil bis in die neunziger Jahre zurückreichen und damit nicht mehr ganz zeitgemäß sind. Ursprünglich erschienen sie in der Zeitschrift "Macroeconomic Dynamics". Interviewt wurden János Kornai, Franco Modigliani, Paul Samuelson, Martin Feldstein, Christopher Sims, Stanley Fischer, Robert Aumann, James Tobin und Robert Shiller.
Die genannten Zelebritäten wurden von namhaften Ökonomen befragt, was gelegentlich arg in ein "Gespräch unter Profis" ausartet, das für Nichtspezialisten überdies von geringem Interesse sein dürfte. Dies gilt zum Beispiel für Samuelsons umfangreiche Ausführungen zur Ausbildung an der Universität in Chicago in den dreißiger Jahren. Die Höhepunkte des Werks bilden zweifellos die Gespräche mit Kornai und Aumann, zwei ganz und gar ungewöhnlichen Männern.
GERALD BRAUNBERGER