25.01.2010 · Zwei Bücher von Detmar Doering und Tom G. Palmer
Dass Abgesänge auf Markt und Liberalismus Konjunktur haben, schafft eine Marktnische für deren Verteidiger, und aus dieser Literatur ragen eine amerikanische und eine deutsche Neuerscheinung deutlich hervor. Tom G. Palmer (Atlas Foundation, Washington) legt eine Sammlung von Aufsätzen vor, in denen er keines der umlaufenden Urteile und Fehlurteile über den Markt und kein Thema der intellektuellen Auseinandersetzung um den Begriff der Freiheit ausgelassen hat. Kennzeichnend für seinen treffsicheren, polemischen Stil ist der Essay "Twenty Myths about Markets", ein Vademecum für Drachentöter, das auch unzulängliche Argumente zugunsten des Marktes aufs Korn nimmt. Detmar Doering (Liberales Institut, Potsdam) hingegen hat einen in sich geschlossenen Leitfaden, eben einen "Traktat über Freiheit", geschrieben und Schritt für Schritt seine Position entwickelt.
Getreu dem Thomas-Mann-Zitat, die Freiheit habe nicht nur "echte Feinde", mit denen man fertig werden könne, sondern auch "falsche Freunde", die Verwirrung stiften, beschäftigten Doering und Palmer sich weniger mit den leicht erkennbaren Gegnern als mit den zweifelhaften Bettgenossen.
Ihr gemeinsames Hauptthema sind daher die immer wieder vorgebrachten Vorschläge, sich nicht mit einer nur formalen oder negativen Freiheit zu begnügen, also nicht bei der Abwehr von Zwang stehenzubleiben, sondern positive oder materielle Freiheit(en) anzustreben. Der sonst eher sachlich formulierende Doering umschreibt solche Versuche als die Meinung, man könne etwa die (Bewegungs-)Freiheit erst mit einem Ferrari so richtig genießen.
Der paternalistische Pferdefuß dieser qualifizierenden Freiheitskonzepte zeigt sich, wenn Amartya Sen (wie schon frühere Autoren) nicht einfach von der Wahlfreiheit des Einzelnen spricht, sondern von dessen wohlbegründeten Vorlieben. Wir werden also in einen dauernden Rechtfertigungszwang versetzt (Palmer). Wer positive Freiheit postuliert, "nimmt automatisch Zwangsrechte gegenüber anderen in Anspruch". Außerdem fehlt es solchen vermeintlichen Erweiterungen der Freiheit an jedem "Kriterium zur eindeutigen Selbstbegrenzung" (Doering).
Ganz im Gegensatz zu der als unzulänglich bezeichneten negativen Freiheit, die mit der gleichen Freiheit aller anderen in Einklang gebracht werden muss, führt die positive Ausfüllung zur politischen Vermehrung von allerlei Rechten, also von Ansprüchen an Dritte.
Ausgehend von dieser Kritik an den falschen Freunden, spinnt Doering den Faden weiter, indem er mit Franz Böhm daran erinnert, dass der Wettbewerb nicht in erster Linie als "Mechanismus zur Effizienzsteigerung", sondern als das "genialste Entmachtungsinstrument" zu verstehen sei, oder auf aktuelle Begriffsverwirrungen hinweist. So etwa auf die niedrige Toleranzschwelle oder schlichte Gedankenlosigkeit, die dazu führte, die Mohammed-Karikaturen als intolerant zu bezeichnen: "Dasselbe Recht, das in Dänemark die Karikaturisten schützte, schützt auch die Freiheit des Moscheebesuchs." Der Moralisierung der Politik, die sowohl aus konservativer Verteidigung von Werten wie auch aus "political correctness" entsteht, setzt Doering die klare Unterscheidung zweier Arten von Moralansprüchen entgegen. Die Moral ersten Ranges, die eigentliche Moral der Freiheit, bestehe aus erzwingbaren Regeln, die zur Verteidigung des individuellen Freiheitsrechts erforderlich sind. Die Moral zweiten Ranges jedoch betreffe jene Dinge, die in den Freiheitsspielraum des Einzelnen gehören." Daher sei es ratsam, sich an Lysander Spooners Parole zu erinnern, dass Laster keine Verbrechen sind, sondern schlicht die Irrtümer, die den Menschen auf der Suche nach dem Glück unterlaufen.
Palmer dagegen bringt in seinen weiteren Aufsätzen je einen intellektuellen Luftballon zum Platzen, sei es die gängige Gegenüberstellung von Staat als gemeinwohlorientiert und Gesellschaft als Ausdruck des Eigeninteresses oder die Theorie der Gerechtigkeit des John Rawls, den wohl einflussreichsten Versuch einer erweiternden Definition der Freiheit. Palmer zerpflückt das sogenannte Differenzprinzip, das Rawls dazu diente, die individuelle Freiheit und die Gleichverteilung von Chancen und Gütern zum Inhalt ein und desselben Sozialvertrages zu erklären.
Die Ergebnisse freier Marktvereinbarungen einerseits und die egalitäre Umverteilung andererseits erscheinen nur deshalb nicht mehr als Gegensätze, weil Rawls das Recht auf Abwanderung ausdrücklich ausschließt. Die Einzelnen erscheinen als Ressource der Gesellschaft, werden also im strikten Sinne verhaftet, weil die Zugehörigkeit zu dieser Zwangsgemeinschaft mit der Geburt beginnt und mit dem Tode endet.
Eine in dieser Form einmalige Hilfe für jeden, der sich selbst auf diese Themen einlassen möchte, bietet schließlich die 50 Seiten umfassende "Literature of Liberty", eine Bibliographie, in der Palmer gut 200 Bücher und Aufsätze kurz kommentiert und einander zuordnet.
So verschieden diese bemerkenswerten Bücher angelegt sind, ergänzen sie sich doch darin, dass sie das klassische liberale Konzept in frischen Farben darstellen. Sie verstehen Gesellschaft nicht als ein gemeinsames Projekt der Selbstverwirklichung, sondern als rechtlich geordnete Freiheit. Als Motto für beide könnte die Mahnung des Benjamin Constant dienen, man solle sich damit begnügen, dem Recht zur Geltung zu verhelfen, die Verantwortung für das eigene Glück aber für sich selbst beanspruchen.
MICHAEL ZÖLLER
Der Verfasser ist Professor für Politische Soziologie an der Universität Bayreuth.