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Finanzhäuser wie Apotheken

 ·  Beat Bernet will kein Bankgeheimnis mehr für Steuerhinterzieher

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Beat Bernet: Geld & Geist. Finanzplatz Schweiz zwischen Evolution und Revolution. Orell Füssli Verlag, Zürich 2005, 208 Seiten, 32,50 Euro.

Der Titel wirkt etwas angestrengt philosophisch, als ob es dem Autor peinlich wäre, nur über Geld zu schreiben. Doch Beat Bernet, Direktor des Bankeninstituts an der Universität St. Gallen, hebt nicht ab in höhere Gefilde, sondern er sieht auch im Zeitgeist - und nicht allein in der Rendite - einen Parameter des Finanzmarktes. Dazu zählt er gesellschaftliche Werte und Normen sowie den Wandel in der Kommunikation, den das Internet verursacht. "In zehn, fünfzehn Jahren werden es die Menschen über fünfzig sein, die die Spielregeln der Gemeinschaft bestimmen." Diese Menschen wünschten einen reifen, erfahrenen Finanzexperten, weil sie mit weniger staatlicher Rente einen langen dritten Lebensabschnitt sichern müßten. Und das Internet, so lautet die zweite These, wird zugleich die Struktur der Finanzinstitutionen ändern.

Was bedeutet das für die Banken? Verschwinden sie im schwarzen Loch einer virtuellen Finanzwelt? Keineswegs, versichert der Autor. Es wird weiterhin Banken geben, doch sie werden sich wandeln, und zwar radikal. Bernet prophezeit das baldige Ende des klassischen Universalbanken-Modells. Der Wertschöpfungsprozeß werde anders organisiert. Beratung und Kundenkontakt würden wichtiger, alles andere werde mit Hilfe der Informationstechnik in "Fabriken" ausgelagert, die Wertschriften-Transaktionen, Zahlungen oder andere Routineoperationen abwickelten. In der Schweiz werden das nach Bernet wohl die Großbanken UBS und Credit Suisse oder die Post sein, vielleicht aber auch ein Informatikkonzern. Alle anderen lokalen oder regionalen Banken suchen Netzwerk-Partner, die ihnen die Finanzprodukte liefern und ihre Abwicklung sichern. Der Autor vergleicht solche Banken mit Apotheken, die aus vielen Mitteln das für den Kunden gemäße Medikament aussuchen. "Das Geschäftsmodell der Zukunft fokussiert alles Denken, Entscheiden und Handeln der Finanzinstitution auf die Marktkommunikation."

Was heißt das für die Schweiz? Bleibt der Finanzplatz dank des Bankgeheimnisses weiterhin ein Tresor für die Reichen und damit eine profitable Branche? Bernet ist sicher, daß trotz aller Globalisierung die nationalen Finanzsysteme noch viele Jahre eine Schlüsselrolle für die jeweilige Volkswirtschaft spielen. Doch beim Thema Bankgeheimnis folgt er den Bankern nicht. Bernet glaubt nicht, daß die Schweiz langfristig als Sonderfall durchkommt. Die Europäer säßen am längeren Hebel. Eine Konfrontationsstrategie könnte neben dem Werkplatz auch dem Finanzplatz großen Schaden zufügen. Der Autor plädiert für eine Strategie der Harmonisierung, bei der das Land nicht notwendig der EU beitritt, sich aber im Blick auf das Bankgeheimnis europäischen Standards anpaßt. Das würde bedeuten, daß man auch bei Steuerhinterziehung - und nicht bloß bei Betrug - Amtshilfe leistet.

KONRAD MRUSEK

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.2005, Nr. 253 / Seite 14
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