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Er wusste, wie man spekuliert

20.08.2007 ·  Die Handelsstrategien des "Zockerknaben" Jesse Livermore

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Jesse Livermore wusste schon mit 15 Jahren, von welchen Emotionen sich Anleger leiten lassen. Das war im Jahr 1892. In den darauf folgenden Jahrzehnten erzielte der wohl schillerndste Spekulant aller Zeiten durch die Kontrolle ebenjener Emotionen atemberaubende Gewinne. Vor allem die Leerverkäufe, mit denen er im Börsencrash von 1907 sein Vermögen auf 3 Millionen Dollar und im Crash von 1929 auf 100 Millionen Dollar ausweitete, begründeten den Ruhm des Meisterspekulanten. Die Schattenseite: Viermal musste er Privatkonkurs anmelden, zuletzt trieb ihn dies im Jahr 1940 in den Freitod.

Was kann ein Anleger von den Handelsstrategien dieses Spekulanten lernen, der für bekannte Fondsmanager wie Bill Gross noch heute ein Idol ist? Richard Smitten hat vor einigen Jahren bereits "Die Geschichte der Börsenlegende" aufgeschrieben, kennt sich also mit dem Thema bestens aus. Basierend auf Gesprächen mit Nachfahren Livermores, skizziert er unterhaltsam die Handelsstrategien des als "Zockerknaben" berühmt gewordenen Spekulanten. Auch wenn mitunter die einzelnen Ratschläge ein wenig zu breit ausgewalzt werden und einige Punkte eher den passionierten Charttechniker als den Durchschnittsanleger interessieren dürften: Die Quintessenzen sind für jeden Aktienanleger lehrreich.

Im Grunde basieren die Handelsstrategien Livermores auf simplen Prämissen: Handele nie gegen den Haupttrend, begrenze Verluste frühzeitig, sei diszipliniert und kontrolliere deine Emotionen! Die Strategie, Aktien zu kaufen, obwohl - oder gerade weil - sie neue Höchststände erreicht haben, ist ebenso klug wie der Tipp, nicht den Einstiegspreis zu drücken, indem man Aktien billiger nachkauft. Der "einsame Wolf" Livermore verkaufte seine Positionen schon bei kleinen Verlusten, erhöhte jedoch sein Engagement, wenn die Kurse stiegen.

Wären nicht die auflockernden Anekdoten, Smitten hätte die Anlagestrategien ein wenig zu detailliert beschrieben. Ärgerlich ist aber die schlechte Übersetzung des Buchs, das vor denglischen Begriffen wie "Money Management" oder "Trading-System" nur so wimmelt. Ein weiteres Manko: Die deutsche Version des Buchs ist erst zwei Jahre nach der englischen auf den Markt gekommen, weshalb viele der Kurs-Charts und die Schlussfolgerungen daraus obsolet sind.

Als intimer Kenner der Börsenlegende Livermores hat sich Smitten einen Namen gemacht. Seine eigene Börsenkarriere ist dagegen eher unrühmlich. Sein Unternehmen "Stock Market Solutions", das eine Zeitlang an der Vermarktung einer Handelssoftware arbeitete, hat vor knapp anderthalb Jahren mit einem ebenso windigen wie verlustreichen Telekom-Unternehmen fusioniert. Der Aktienkurs dieses "Penny-Stocks" ist seither um fast 60 Prozent gefallen.

DANIEL SCHÄFER

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.08.2007, Nr. 192 / Seite 12
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