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Eine anmutige Vision

 ·  Jeremy Rifkin ruft ein neues Energiezeitalter aus

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Der amerikanische Ökonom und Soziologe Jeremy Rifkin denkt und schreibt gerne über die ganz großen Zusammenhänge, die wichtigsten Fragen der Menschheit. Mit einem Augenzwinkern kann man sogar sagen: Darunter macht er's schlicht und einfach nicht. Sein neuestes Buch mit dem anspruchsvollen Titel "Die dritte industrielle Revolution" bleibt diesem Ansatz treu. Rifkin plädiert darin für nicht weniger, als ein neues Energiezeitalter einzuläuten. Wesentlich soll es auf erneuerbaren Energien beruhen: auf Sonne, Wind, Wasser, Gezeiten, Biomasse und Erdwärme.

Sein Ausgangspunkt ist der Befund, dass fossile Energieträger wie Öl und Kohle, auf denen die Stromerzeugung und bedeutende andere Industriezweige der Gegenwart fußen, zur Neige gehen. Beziehungsweise, dass wir immer tiefer graben müssen in immer entlegeneren Regionen über und unter Wasser, um an sie zu gelangen - also immer mehr fossile Energieträger aufwenden, um neue fossile Energieträger zu bekommen.

Die Explosion der Bohrinsel Deep Water Horizon im Golf von Mexiko und die lange Zeit, die Ingenieure brauchten, um ihre Folgen zu beherrschen, führt er als Beleg für die Risiken an, die damit verbunden sind. Die Katastrophe im japanischen Atomkraftwerk Fukushima ist sein aktuellstes Beispiel dafür, warum Kernenergie aus seiner Sicht nicht in die sich auftuende Energiebresche springen kann. Das ist für viele Menschen nachvollziehbar, erst recht in der pointierten, klaren Ausdrucksweise, die Rifkin verwendet.

Viel schwieriger ist es, dazu eine Alternative anzubieten. Alleine die Benennung anderer umweltfreundlicher Energiequellen, das weiß und schreibt auch Rifkin, reicht nicht. Um Menschen überzeugen und begeistern zu können, muss eine Geschichte her, die von einem (besseren) Leben insgesamt in der Zukunft erzählt und die eben auch davon handelt, wo der Strom herkommt. Rifkins Geschichte erzählt von einer Welt, in der wir alle kleine oder größere selbständige Stromerzeuger sind. Unsere Häuser sind - zum Beispiel mittels Solarzellen - allesamt zu Mikrokraftwerken umgerüstet. Erneuerbare Energie wird also vor Ort, lokal, hergestellt. Und gelagert etwa in technisch perfektionierten Wasserstoffspeichern. Außerdem fahren wir Autos, die entweder durch Brennstoffzellen angetrieben oder regelmäßig schlicht mit Strom aus der Steckdose aufgeladen werden.

Hinzu kommen Wind- und Wasserkraftanlagen sowie Erdwärme und Biomasse, wobei Rifkin die Energiegewinnung aus Nutzpflanzen für fragwürdig hält. Der phantastische Höhepunkt der Erzählung ist die Verbindung der vielen kleinen Kraftwerke über intelligente Stromnetze, die auf moderner Internettechnologie basieren. Überschüsse in der Energieproduktion an einem Ort werden so automatisch dorthin geleitet, wo gerade Bedarf ist. Dass das moderne Internet Kommunikation auf der ganzen Welt fundamental verändert und neu ermöglicht, ist für Rifkin wesentlich. Denn auch die beiden vorangegangenen industriellen Zeitalter seien aus der Symbiose jeweils einer neuen Energiequelle und einer neuen Kommunikationstechnologie entstanden: Zunächst durch Kohle und die Dampfdruckpresse, hernach durch Öl und die Telefonie.

Ob unsere Gesellschaft im Laufe dieses Jahrhunderts irgendwann als große Energieunternehmergemeinschaft nicht mehr auf fossilen Brennstoffen beruht, ist natürlich nicht vorhersehbar. "Nichts am Aufenthalt des Menschen auf der Erde ist vorgeschrieben", schreibt Rifkin. Der "dezentrale Kapitalismus" und der "teilweise Umstieg von Märkten auf Netze", in den hinein seine Vorstellung von Stromherstellung eingebettet wäre, sei indessen zuweilen schon Wirklichkeit geworden. Das Betriebssystem Linux, das Internetlexikon Wikipedia im Kontrast zur Encyclopedia Britannica und das Soziale Netzwerk Facebook nennt er als Beispiele.

Als Paten für die Fortschritte in der Elektromobilität dienen auch die Namen der beiden großen deutschen Unternehmen Daimler und Siemens. Vieles, was Rifkin sonst vorschwebt, bleibt im Ganzen nicht mehr als eine Vision. Das ist aber gar nicht schlimm. Denn Gedanken darüber, wie unser Leben in vielen Jahrzehnten gelingen könnte, bekommen wir selten so faszinierend mitgeteilt.

ALEXANDER ARMBRUSTER.

Jeremy Rifkin: Die dritte industrielle Revolution.

Campus-Verlag. Frankfurt am Main 2011. 304 Seiten. 24,99 Euro.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.09.2011, Nr. 224 / Seite 12
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