27.06.2011 · Niall Fergusons lesenswerte, aber nicht perfekte Studie
Der britische Historiker Niall Ferguson stellt sich die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass der Westen die anderen großen Zivilisationen überholen und zeitweise dominieren konnte. In der Einleitung weist er darauf hin, dass die künftigen Kolonial- und Großmächte Europas um das Jahr 1500 nur 10 Prozent der Landmasse und 16 Prozent der Weltbevölkerung umfassten, aber im Jahre 1913 schon 60 Prozent der Fläche und der Weltbevölkerung beherrschten und 79 Prozent der Weltwirtschaft.
Wie konnte es dazu kommen? Fergusons Antwort verweist auf sechs Faktoren, denen jeweils ein Kapitel gewidmet ist: Wettbewerb, sowohl zwischen den Fürstentümern, Königreichen und Staaten als auch unter den Unternehmen; Wissenschaft, womit im Wesentlichen die Naturwissenschaften und deren Anwendungen in Technik und Militärwesen gemeint sind; sichere Eigentumsund Verfügungsrechte, die zu Rechtsstaat und repräsentativen Demokratien geführt haben; medizinischer Fortschritt und die daraus resultierende Verlängerung der Lebenserwartung; die Erhöhung des materiellen Lebensstandards sowie die Arbeitsethik, die Ferguson ähnlich wie Weber mit dem Protestantismus verbindet.
Diese Liste von Determinanten wirft Fragen auf, die Ferguson nicht beantwortet. Sind diese Determinanten gleich wichtig? Tauchen sie in einer bestimmten Abfolge auf? Manche Institutionenökonomen halten den politischen Wettbewerb für eine Voraussetzung der sicheren Eigentumsrechte und diese für eine Voraussetzung von Arbeitsanreizen. Fergusons Stellung dazu bleibt offen. Beim Konsum oder Lebensstandard liegt es nahe, das für späte Merkmale der westlichen Entwicklung zu halten.
Das erste Kapitel analysiert den Wettbewerb und vergleicht die westliche mit der chinesischen Entwicklung. Dort werden die Vorzüge des europäischen Staatenwettbewerbs bei der Erkundung der Weltmeere und der Gründung von Handelsniederlassungen mit dem zentralisierten China verglichen, das sich Ende des 15. Jahrhunderts von den Weltmeeren zurückzog. Im zweiten Kapitel wird der Westen mit dem Osmanischen Reich verglichen, wird der europäische Charakter der Entstehung der modernen Naturwissenschaften hervorgehoben, werden auch die militärischen Konsequenzen des Erkenntnisfortschritts erwähnt. Dezentralisierung spielt auch hier eine Rolle, nämlich als Trennung geistlicher und weltlicher Gewalt in Europa schon vor der Reformation.
Das dritte Kapitel vergleicht die wirtschaftliche Entwicklung von Nordamerika und Iberoamerika. Im Norden dominierten Siedler und privates Landeigentum zwecks Selbstbewirtschaftung und politische Repräsentation der Eigentümer, im Süden unfreie Formen der Arbeit und Fremdherrschaft. Im vierten Kapitel geht es um den medizinischen Fortschritt, die europäische Kolonialherrschaft und den Sieg über viele Tropenkrankheiten. Das fünfte Kapitel ist besonders heterogen. Es geht um die Verbrauchergesellschaft, die Rolle der Textilindustrie in frühen Phasen der Industrialisierung, technischen Fortschritt, frühere Globalisierungsphasen, auch die Herausforderungen des demokratischen Kapitalismus durch Nationalsozialismus und Kommunismus. Im sechsten Kapitel wird Webers protestantische Ethik und die Rolle der Religion für die wirtschaftliche Entwicklung diskutiert. Ferguson vertritt die Auffassung, dass die Protestanten vor allem deshalb erfolgreich waren, weil der Protestantismus einen Alphabetisierungsschub auslöste. Andererseits weist Ferguson auf die größere Vitalität des amerikanischen als des europäischen Protestantismus heute und das Erstarken des Christentums in China hin. Auch wenn man die deskriptiven Elemente akzeptiert, bleibt vieles theoretisch offen.
Im abschließenden Kapitel wird die asiatische Herausforderung diskutiert. Fragen werden zwar gestellt, aber nur folgendermaßen "beantwortet": Der Niedergang des Westens könnte schnell gehen, muss es aber nicht, wenn wir uns wieder des Wertes unserer eigenen Zivilisation bewusst werden. Trotz des theoretischen Unbehagens, das jeder systematische Sozialwissenschaftler bei der Lektüre immer wieder empfinden muss: Das Buch ist eine lesenswerte Herausforderung.
ERICH WEEDE.
Niall Ferguson: Civilization. The West and the Rest.
Verlag Allen Lane (Penguin), London 2011, 402 Seiten, 25 Pfund.