18.03.2003 · Über EU-Berichterstattung im Spannungsfeld zwischen Klischees und Komplexität / Von Hajo Friedrich
BRÜSSEL, 17. März. In Bund, Ländern und Gemeinden passiert schon so viel - wer kann und will da noch verstehen, was im fernen Brüssel geschieht? So und ähnlich klingen die Klagen vieler Unternehmer und Verbraucher in Deutschland. Dabei beraten und beschließen die EU-Institutionen derzeit schon mehr als 60 Prozent der Wirtschaftsgesetze; manche Politiker und Rechtsfachleute beziffern den Anteil sogar auf 80 Prozent. Im krassen Gegensatz zu solchen Zahlen steht die nach wie vor klaffende Distanz zwischen den oft undifferenziert unter dem Schlagwort "Brüssel" zusammengefaßten europäischen Entscheidungsverfahren und ihrer Wahrnehmung in Politik, Wirtschaft und Verwaltung.
In einem jetzt unter dem Titel "Raumschiff Brüssel" veröffentlichten Buch geben die Journalisten Andreas Oldag und Hans-Martin Tillack Antworten auf die Frage, was und wie aus Brüssel berichtet werden müßte. Trotz ihrer mehrjährigen Brüssel-Erfahrung meinen sie, es müßte mehr über "das Europa der Verschwendung und der vertuschten Skandale" berichtet werden. Allerdings rede ein "etabliertes Brüsseler Kartell" aus Berufseuropäern - Beamten, Diplomaten und Journalisten - lieber unablässig über die Erfolgsgeschichten der europäischen Einigung. Schwerwiegende Probleme im schwebenden Raumschiff Brüssel würde dieses Kartell jedoch "gerne zum Tabu erklären".
Wie läßt sich die Diskrepanz erklären zwischen der Bedeutung der "EU" und "Brüssels" für Wirtschaft und Gesellschaft einerseits, ihrem Widerhall - zum Beispiel in der Berichterstattung - andererseits? Diese Frage stellen sich viele der 1000 Journalisten und der zuletzt auf eine Personalstärke von 15 000 angeschwollenen Lobbyistenschar. Erschwerend kommt der Hintergrund einer verschlechterten Wirtschaftslage hinzu, die viele Zentralen in der Heimat zu erheblichen Einsparungen zwingt. Manche Unternehmen und Verbände haben bereits Posten in Brüssel eingespart oder planen dies. Immer häufiger wird zum Beispiel erwogen, Beratern oder Anwälten Ad-hoc-Aufträge zu erteilen.
Im "Raumschiff Brüssel" distanzieren sich die Autoren von dem "etablierten Brüsseler Kartell". Bereits der Bucheinband stellt klar, wer die guten "Starwars"-Krieger im Ringen gegen das Brüsseler "Reich des Bösen" seien. Dabei kennen die Autoren selbst keine Tabus: Auf mehr als 400 Seiten walzen sie immer wieder ein rundes Dutzend seit Jahren bekannter, mehr oder minder großer Skandale aus. Die gründliche Analyse des unzweifelhaft komplexen Gebildes "EU" kommt dabei zu kurz, wie sie der Leser in einem umfangreichen Buch erwarten kann. Zu sehr bedient es die "Brüssel"-Klischees an den Stammtischen.
Damit könnten die Autoren den Anspruch verwirkt haben, nur sie allein hätten den Mut zur Wahrheit. Unerbittlich entleeren sie Archiv und Papierkörbe voll verworfener Entwürfe für Skandalgeschichten über den Leser aus - zum Beispiel über meist sattsam bekannte Fehltritte des EU-Kommissionspräsidenten Romano Prodi.
Irritierend muß die Schreibtechnik erscheinen: Die lange Auflistung von Prodis Mängeln und die anderer Personen wirkt wie eine Gehirnwäsche des Lesers und erinnert zudem an eine jener legendären, wohl auch den Autoren vertrauten "Teach-in"-Veranstaltungen an deutschen Hochschulen der siebziger Jahre.
Bei der Lektüre des Buches dürften viele Leser vor allem erfahren, daß in Brüssel alles faul sei - entsprechend weniger über den komplexen und hochgradig verrechtlichten Charakter der Entscheidungsverfahren. Nur aus Sicht von Skandalreportern antworten die Autoren auf die Frage, wie eine europäische Öffentlichkeit entstehen könnte. "Gäbe es europäische Wahlkämpfe und eine europäische Regierung - dann gäbe es auch Interesse für die Personen, die in Brüssel entscheiden." Nur über Personen ließen sich Bürger für Politik wirklich interessieren.
Was können die Autoren tun, solange auf der Brüsseler Ebene noch kein Drama aufgeführt wird, wie sie beklagen? Die verlockende Antwort liegt darin, EU-Themen als Dramen zu inszenieren. Das könnte sich zu einem allgemeinen Muster verfestigen. Orientierungs- und Konzeptlosigkeit in vielen Redaktionen treibt nicht zuletzt auch in der Europa-Berichterstattung viel zu dem Dreiklang Emotionalisierung, Personalisierung, Skandalisierung bei. Das mag bei Lesern, Hörern und Zuschauern kurzfristig Anklang finden; aber werden sie sich längerfristig beim Thema "Europa" nicht ermüdet und verärgert abwenden? So könnte sich der hehre Anspruch, die Wahrheit zu sagen, als Schutzbehauptung erweisen.
Andreas Oldag/Hans-Martin Tillack: "Raumschiff Brüssel - Wie die Demokratie in Europa scheitert"; Argon Verlag, Berlin; 416 Seiten; 19,90 Euro.