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Das Getränk der Witwe

16.11.2009 ·  Eine anregende Geschichte des Hauses Veuve Clicquot

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"Frisch und prickelnd steigt die Blase / der Witwe Clicquot in dem Glase" reimte man einst bei Hofe von Wilhelm II. Köstlich prickelnder Champagner war allerdings nicht die originäre Erfindung der resoluten Geschäftsfrau aus Reims, die es mit ihrem beflügelnden Getränk zur vielfachen Millionärin brachte. Die Bläschen galten in der alten Weinregion im Nordosten Frankreichs als eine Art Betriebsunfall wegen plötzlicher Klimaabkühlung, dem die Winzer im 17. Jahrhundert dringend Abhilfe schaffen wollten.

Erfolgreich tat sich dabei ein blinder Mönch mit dem heute berühmten Namen Dom Pierre Pérignon hervor. Angeblich entdeckte er in den Kellergewölben seiner Abtei bei Hautvillers das Geheimnis der Champagnerbläschen. In Wirklichkeit wollte der Klosterbruder lediglich die Entstehung von Bläschen im Wein stoppen, um den florierenden Handel mit "stillen" Weinen zu sichern. Letztlich kamen die Briten als Erste dahinter, wie man Wein zum Schäumen bringt, als sie Importe aus der Champagne von Fässern in Flaschen umfüllten und dabei neuerlich Gärung in Gang setzten. Die pfiffigen Händler zögerten nicht, die interessante Neuheit auf den Markt zu bringen.

Mit der schockierenden Mitteilung, dass ein so urfranzösisches Produkt wie der Champagner in Großbritannien erfunden wurde, beginnt Tilar J. Mazzeos Biographie der "Veuve Clicquot". Die schnöde Desillusionierung ist der Paukenschlag für den Auftritt der Französin, die Champagner zur Marke machte: Mit ihrer innovativen Rütteltechnik ("remuage sur pupitre"), die den Wein nach der zweiten Gärung wirksam von Heferesten befreit, verhalf sie dem perlenden Getränk zur Produktreife und zum Siegeszug auf dem Weltmarkt. Sich selbst bescherte sie millionenschweren Reichtum und aristokratischen Lebensstil.

Barbe Nicole Clicquot, geborene Ponsard (1777 bis 1866), Tochter eines vermögenden Textilfabrikanten und angesehenen Lokalpolitikers aus Reims, wurde nach sieben Jahren Ehe mit 27 Witwe. Ihr Mann François nahm sich vermutlich das Leben, weil seine Geschäfte nicht so liefen, wie er wollte. Ohne kaufmännische Ausbildung und Erfahrung im Weingeschäft stieg die energische, junge Witwe in das kleine Familienunternehmen ein. Mit viel Mut zum Risiko, technischen Neuerungen und klugen Personalentscheidungen machte sie trotz widriger Zeiten in wenigen Jahrzehnten aus dem ererbten Handelsbetrieb und einigen Parzellen Land das größte Champagnerhaus des 19. Jahrhunderts. Mit 40 Jahren war Barbe-Nicole die reichste und berühmteste Unternehmerin in Europa. Und nicht nur das: "Aufgrund ihrer Bereitschaft, ohne viel Aufhebens etwas zu wagen, wurde die Witwe Clicquot zu einer der berühmtesten Frauen ihrer Epoche." So die Biographin Mazzeo.

Die kleine, rundliche, unprätentiöse Frau, die der Schriftsteller Prosper Mérimée "die ungekrönte Königin von Reims" nannte, galt bis ans Ende ihrer 89 Jahre als smarte, eisenharte Geschäftsfrau. Madame ließ sich von niemandem die Butter vom Brot nehmen, nicht einmal von Napoleon, in dessen kriegerischen Zeiten sie ihr Wirtschaftsimperium einfallsreich zur Blüte brachte - unter anderem dadurch, dass sie ungeniert von allen Blockaden heimlich riskante Champagnerlieferungen nach Russland auf den Weg schickte und dort den Markt eroberte. Aus den im Firmenarchiv aufbewahrten Geschäftspapieren sind ihre cleveren Unternehmensstrategien minutiös zu rekonstruieren.

Auf der Suche nach der privaten Barbe-Nicole Clicquot allerdings tat sich die Autorin Tilar Mazzeo schwer. Sie fand keine Tagebücher und kaum Briefe von der berühmten Grande Dame: "Denn im 19. Jahrhundert war vieles aus der Geschichte der Witwe nicht wert, bewahrt zu werden." Um ihrer Protagonistin Leben einzuhauchen, rettete sich die in Kalifornien ansässige Amerikanerin in ihre Kenntnis der europäischen Geschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, vor allem aber in ihre eigene Phantasie, befördert vom Interesse an Geschlechterstudien und Weintourismus. Ihr Bemühen endete im erschöpften Seufzer: "Dieses Buch zu schreiben war eine Übung in indirekter Rede."

Mazzeos Biographie geriet denn auch weniger frisch und prickelnd als das edle Produkt der Veuve Clicquot mit dem bekannten dottergelben Etikett. In der Sache mag das nicht einmal so falsch sein: Was die Witwe im 19. Jahrhundert so erfolgreich verkaufte, ähnelte nur beschränkt unseren heutigen Vorstellungen von Champagner. Ihr Favorit, mit dem sie vor allem auf dem russischen Markt punktete, war ein als Dessertwein getrunkener, sirupartiger Champagner - mit 200 Gramm Restzucker zehnmal so süß wie halbtrockener Champagner heute. Die trockene "Brut"-Variante wurde erst 60 Jahre später erfunden - von der Witwe Louise Pommery aus Reims, die mit ihrem eigenen Champagner-Imperium erfolgreich in die unternehmerischen Fußstapfen der Veuve Clicquot trat. Bald gab es "Brut" von allen anderen französischen Champagnermarken, und die Globalisierung tat ihr Teil, den Durst auf bitzelnden Teuer-Alkohol weltweit wachsen zu lassen.

Vorläufig scheint dieser Boom vorbei. In der aktuellen Wirtschaftskrise sind 30 Prozent des französischen Champagnermarktes weggebrochen, und die Branche schaut durchaus bedenklich in die Zukunft. Tatsächlich ist ihr noch immer weitgehend handgemachter Luxuswein, der in massenmarktüblichen Mengen die Welt bedient, eigentlich ein produktionstechnischer Widerspruch. Ganz von der Bildfläche verschwinden wird das moussierende Getränk jedoch kaum. Zwar perlt auch Designerwasser frisch im Glase. Aber bei Hochzeiten, Neujahrsküssen und anderen hochgestimmten Anlässen prickeln Champagnerbläschen nach wie vor am stilvollsten.

ULLA FÖLSING

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.11.2009, Nr. 266 / Seite 12
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