22.02.2010 · Walker Evans fotografierte das Elend der dreißiger Jahre
Seine Schwarzweißaufnahmen aus den Zeiten der Großen Depression machten den Fotografen Walker Evans (1903 bis 1975) nachhaltig berühmt. In den Jahren 1935 bis 1938 dokumentierte der aus St. Louis stammende Amerikaner im Auftrag der regierungsamtlichen Farm Security Administration die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Landarbeiter in den Südstaaten. Er brachte ebenso eindrucksvolle wie bedrückende Bilder von der Misere der Bevölkerung in Mississippi, Louisiana und Alabama, Georgia und South Carolina mit - insgesamt handelt es sich um 270 000 Fotos.
Sie zeigen ernste Kindergesichter und verhärmte Erwachsene, das Nebeneinander von schwarzen und weißen Bewohnern, ärmliche Behausungen, leerstehende, abbruchreife Gebäude, bescheidene Holzkirchen oder abgerissene Zirkus- und Filmplakate an verrotteten Mauern.
Walker Evans' Porträts von der bitteren Armut im Herzen von "God's own country" waren erst der Anfang seiner 46 Jahre währenden Karriere. Weitere vier Jahrzehnte lang produzierte er Tausende und Abertausende Fotos, viele für das amerikanische Magazin "Fortune". Seine Bilder wirken auf den Betrachter unprätentiös, schnörkellos und ohne jegliche Pose. Das hatte mit seiner besonderen Aufnahmetechnik zu tun: Als Fotograf wollte er am liebsten gar nicht wahrgenommen werden. Deshalb arbeitete Evans gern mit einer Kleinbildkamera, die er unter seinem Mantel versteckte.
Evans' kompromissloses Werk veränderte das soziale Bewusstsein seines Landes. Vor allem seine dokumentarischen Auftragsarbeiten aus der Wirtschaftskrise gelten heute als Ikonen der Fotografiegeschichte. Sie sind fester Bestandteil des kollektiven Bildgedächtnisses auch außerhalb Amerikas geworden. Bereits 1938 widmete das Museum of Modern Art in New York den düsteren Bildern eine vielbeachtete Ausstellung.
Bis in die Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gelangen dem gebürtigen Südstaatler, der ab 1965 an der bekannten Ostküstenuniversität in Yale lehrte, wegweisende Aufnahmen. Seine Art zu sehen beeinflusste Andy Warhol, Ed Ruscha, Lee Friedlander und auch Diane Arbus. Kurz vor seinem Tod experimentierte Evans mit farbigen Polaroids, die ihm eine neue Ausdrucksform eröffneten.
Walker Evans verstand sich weniger als Fotojournalist denn als Künstler. Obwohl er den Vereinigten Staaten von Amerika, der Moderne und der Entmenschlichung durch den Kapitalismus prinzipiell kritisch gegenüberstand, war er eigentlich nicht an Sozialkommentaren und Betroffenheitsfotografie interessiert. Was ihn reizte, waren der Aufbau und die Gestaltung fotografischer Aufnahmen, die er auf das Wesentliche beschränkte und gelegentlich mit trockenem Humor anreicherte.
Seinem unbestechlichen Blick für soziale Missstände kamen allerdings auch die schmerzlichen Motive seiner Zeit entgegen. Im wohlfahrtsstaatlich abgefederten Netz heutiger Industriegesellschaften fände er selbst bei harschen Konjunkturflauten kaum vergleichbar erschütternde Bilder von Armut und Not.
Ein neuer, umfangreicher Bildband in englischer Sprache feiert jetzt den amerikanischen Starfotografen passend zu einer Ausstellung im Cincinnati Art Museum vom 12. Juni bis 5. September dieses Jahres. Die Monographie mit dem Titel "Walker Evans. Decade by Decade" widmet sich nicht nur dessen triumphalen Anfängen während der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre, sondern auch seinen nicht minder beachtlichen, selten gezeigten Arbeiten aus den folgenden Jahrzehnten.
ULLA FÖLSING