24.11.2008 · Eine radikale Kritik des bestehenden Staatsgeld-Monopols
Die jüngste Finanzkrise hat unser Bankensystem beinahe in den Kollaps getrieben. Wenn nun eine schonungslose Analyse der Ursachen gefragt ist, dann greift das übliche Lamento über den "Kapitalismus" zu kurz. Nach Ansicht von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Angers in Frankreich, hat unser Geldsystem mit "Kapitalismus", also einer auf den Prinzipien von Eigentum und Wettbewerb basierenden Marktwirtschaft, nichts zu tun. Vielmehr beruht es auf dem staatlichen Monopol von beliebig vermehrbarem Papiergeld. Hülsmanns gründliche, historisch wie theoretisch fundierte Studie sollte zur Kenntnis nehmen, wer ein tieferes Verständnis unserer Finanzordnung bekommen will.
Ursprung der aktuellen Finanzkrise war unter anderem eine unverantwortliche Vergabe von Krediten. Die Aufblähung der Geldmenge, welche die Notenbanken zuließen, hat - anders als nach der monetaristischen Theorie zu erwarten wäre - zunächst keine Inflation der Verbraucherpreise bewirkt, sondern nur die Vermögenspreise aufgebläht. Schließlich ist die Blase der Immobilienpreise geplatzt, immer mehr Kredite wurden faul, Banken kamen ins Taumeln, und die Sparer bangten um ihre Einlagen, bis der Staat schließlich eingegriffen hat. Am Anfang dieser Kette stand aber die staatlich zugelassene Aufblähung der Geldmenge.
Auf dieses unsolide Fundament zielt Hülsmanns Buch: Darin unterscheidet er zwischen "natürlichem" Geld, das in der Menschheitsgeschichte in freiwilligen Tauschakten spontan entstanden ist und einen inneren Wert hatte (über Jahrhunderte waren dies meist Edelmetalle) und einer davon losgelösten Geldproduktion, die auf staatlichem Eingriff beruht. Wenn ex nihilo neues Geld geschaffen werden kann und dieses akzeptiert werden muss, wie es beim staatlichen Papiergeld (als gesetzlichem Zahlungsmittel) der Fall ist, so bedeutet dies eine Umverteilung von Werten: Wer das neue Geld zuerst bekommt, hat einen Vorteil; die Allgemeinheit leidet aber unter der Inflation. Schon der mittelalterliche Bischof Nicolas von Oresme, einer der frühesten Geldtheoretiker, den Hülsmann häufig zitiert, kritisierte die von den Fürsten und Königen heimlich betriebene Geldentwertung durch Münzverschlechterung; wie viel leichter geht es mit Papiergeld.
Letztlich bedeutet fortgesetzte Schein-Geldproduktion de facto eine Verletzung von Eigentumsrechten: die Enteignung der Altgeldbesitzer. Das ist zutiefst verwerflich, findet Hülsmann, der auf ungewöhnliche Weise päpstliche Enzykliken und österreichische Ökonomen wie Ludwig von Mises verknüpft. Gegen die vorherrschende Geldtheorie argumentiert er, dass Deflation, also ein sinkendes Preisniveau, nicht so schädlich ist, wie meist angenommen wird. Das hätten die letzten drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts gezeigt, als die Geldmenge kaum, die Wirtschaft jedoch stark wuchs. Inflation treibe keineswegs das Wachstum, sondern bringe Scheinblüten und Blasen hervor. Zudem verzerre sie Anreize. Der größte Profiteur der fortlaufenden Inflation sei der neuzeitliche Staat, der bei den Bürgern übermäßig Schulden aufnehme und dann deren Wert hinterrücks vermindere.
Die Argumentation von Hülsmann, die gängige Theorien auf den Kopf stellt, fordert die etablierte Wissenschaft heraus. Vieles mutet utopisch an, etwa der Vorschlag, die Zentralbanken zu entmachten. Eine solche "Entnationalisierung" des Geldes schlug vor gut 30 Jahren der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek vor. Ist aber ein Wettbewerb verschiedener privater Währungen in der heutigen Zeit denkbar? Die Mehrheit der Ökonomen würde einwenden, dass es mit staatsfreiem Geld noch mehr Unsicherheit gebe. Die Informationsasymmetrien, die potentiell den Geldmarkt lähmen, wären noch ausgeprägter. Daher würden nur wenige eine Freigabe des Geldes wagen, vielmehr geht der Zug in die Gegenrichtung: zu mehr staatlicher Regulierung. Nach der jüngsten Krise erscheint es aber legitim, über das Geldwesen von Grund auf neu nachzudenken. Dazu leistet das ungewöhnliche Buch einen wertvollen Beitrag.
PHILIP PLICKERT