14.12.2009 · Edition der Predigten von Plötzensee von 1954 bis 2008
65 Jahre sind seit dem missglückten Attentat auf Hitler vergangen. Neben die Beschäftigung mit Vorgeschichte, Verlauf und Protagonisten des 20. Juli tritt zunehmend der Blick auf den Umgang mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus nach 1945. Zu beidem trägt der vorliegende, sehr sorgfältig edierte Band über die Predigten von Plötzensee Wichtiges, bisher zu wenig Beachtetes bei. In unserer säkularen Welt interessiert man sich mehr für die sozialen, politischen, beruflichen oder familiären Motive der Widerstandskämpfer als für ihre religiösen Beweggründe. Dabei spielte ein aktiv gelebtes Christentum bei vielen Männern des 20. Juli eine wesentliche Rolle. Deshalb gibt es auch ein kirchliches Vermächtnis dieses Widerstandes. Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, weist in seinem Geleitwort eindringlich auf dieses Vermächtnis hin, das der Jesuitenpater Alfred Delp dem evangelischen Theologen Eugen Gerstenmaier vor seiner Hinrichtung mitgegeben hatte: "Sorge dafür, dass unsere Kirchen in ihrer Uneinigkeit unserem gemeinsamen Herrn nicht mehr Schande machen." Was wohl Delp zu den Entwicklungen der vergangenen Jahre sagen würde?
Bischof Wolfgang Huber hebt eine für Protestanten besonders wichtige Schlussfolgerung aus dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus hervor: Bei der Pflicht zum Gehorsam gegenüber der Obrigkeit vergaß und vergisst man allzu gern die Einschränkung, dass nämlich die nur Gültigkeit hat, wenn die Obrigkeit nicht befiehlt, eine Sünde zu begehen. "Der Widerstand geschah in dem Bewusstsein, dass sich dem Befehl zur Sünde unterwarf, wer den Mordtaten des Dritten Reiches weiter ihren Lauf ließ."
Das Buch enthält 50 Predigten, die zwischen dem 20. Juli 1954 und dem 20. Juli 2008 gehalten wurden, davon 35 in der Gedenkstätte Plötzensee. Zahlreiche Predigten vor allem aus den ersten Jahrzehnten sind leider nicht überliefert. Erst Mitte der siebziger Jahre gelang es den beiden Freunden aus dem Gefängnis Lehrter Straße, Pater Odilo Braun OP und Pfarrer Eberhard Bethge, eine ökumenische Form des Gedenkens durchzusetzen, wie Gerhard Ringshausen in seiner lesenswerten Einführung darlegt. Die Predigten sind von unterschiedlicher Qualität, teilweise auch auf eine schon wieder beeindruckende Weise zeitgebunden und nicht immer leicht zu lesen. Insgesamt enthalten sie viel Nachdenkenswertes im Angesicht der Galgen und einen Blick auf den 20. Juli, der inzwischen zu kurz kommt - wie die Frage nach dem christlichen Märtyrer, den auch Alfred Hrdlicka auf seine Weise in seinem Plötzenseer Totentanz thematisiert. Abgerundet wird der Band durch ausführliche Angaben zu den Predigern und eine Auflistung aller Predigten, die bei den Gedenkfeiern bis 2008 gehalten wurden.
THOMAS SCHNABEL
Rüdiger von Voss/Gerhard Ringshausen (Herausgeber): Die Predigten von Plötzensee. Zur Herausforderung des modernen Märtyrers. Mit Geleitworten von Bischof Wolfgang Huber und Erzbischof Robert Zollitsch. Lukas Verlag, Berlin 2009. 270 S., 19,80 [Euro].